Herr Peymann geht ins Theater und rettet einen Zuschauer

Auf der Bühne hadert Woyzeck (Sierk Radzei) mit Andres (Raiko Küster) und dem Schicksal. Im Zuschauerraum herrscht konzentrierte Stille. Plötzlich gerät das Parkett in Bewegung – ein Mensch steht auf, dann ein zweiter, einer geht zur Tür, andere drehen sich zur Quelle der unerwarteten Unruhe um. Eine Andeutung von Saallicht zeigt schließlich: Einem Zuschauer ist wohl schlecht geworden. Und Claus Peymann bringt ihn hinaus ins Foyer, wo die Ärzte warten. Gerettet.

So verrückt das klingt, genau so war’s – gestern Abend im Essener Grillotheater. Ausgerechnet in David Böschs "Woyzeck"-Premiere – Büchners alb/traumartige Fragmente rüde unterbrochen von der Realität, die sich so als seltsamer wie auch glücklicher erwies als die Fiktion auf der Bühne. Dem Zuschauer konnte rasch geholfen werden, ein Diabetiker, dem Insulin fehlte, hieß es später auf der Premierenfeier. Woyzeck dagegen – nun ja, wie man Büchners Fragmente auch dreht und wendet, in welche Reihenfolge man die erhaltenen Szenen auch bringen mag, Woyzeck ist nicht zu retten.
Vermutlich ist das der Reiz des Stoffes wie des Stücks. Sich in einen von ganz unten zu versetzen, darum ging es Büchner bei der Arbeit am "Woyzeck". Zugleich geht es nicht "nur" um einen Tragödie; gezeigt wird viel mehr als der unaufhaltsame Niedergang eines Menschen, der an den Verhältnissen zerbricht. Brecht lässt grüßen, sozusagen zurück aus der Zukunft. Ob da auch das Ufo, an das Patrick Bannwarts Bühnenbild erinnert, herkommt? Oder geht es mehr um den Zirkus, den wir Menschen um unser Leben veranstalten – denn zum Zirkuszelt, der wohl passendsten Bühne für Böschs Panoptikum (ein Kleinod der Inszenierung: Sarah Viktoria Frick als Käthe, eine Artistin an Krücken, ein Engel ohne Flügel) wird es ja auch. Oder war damit doch ein Bierzelt auf einer Dorfkirmes gemeint, wo die Band hauptsächlich zweierlei können muss: Saufen und immer noch lauter spielen als das gröhlende Publikum?
Karsten Riedel (samt wunderbarem Untergrundorchester) kann natürlich viel mehr. Wie schon beim "Käthchen" ist auch hier die Musik, der Ton eine neue, zusätzliche Dimension des Stückes, eine weitere Spielwiese voller Bedeutungen und Brechungen, Anklängen und Assoziationen. Eines Tages werd ich mir eine Bösch-Riedel-Inszenierung mit geschlossen Augen anhören …
Ich weiß nicht, ob das nicht vielleicht die passendste Art wäre, sich diesem "Woyzeck" zu nähern – selten hatte ich so sehr den Eindruck, das Wunderbare am Theater ist, das es eine Art kollektiver Traum ist, geschaffen von den luziden Träumern hinter & auf der Bühne. Man sitzt im Dunkel und träumt … und schlösse man die Augen, hätte man seine eigenen Bilder dazu.
Jedoch, da würde man hier in Essen nicht nur einen herausragenden Hauptdarsteller und eine ganz eigene Marie (Nadja Robiné) verpassen, die zum Opfer wird, grad weil sie keins mehr sein will. Vor allem den bis auf wenige Wörter und den einen oder anderen Gesang stummen Tambourmajor (Nicola Mastroberardino) könnte man dann nicht miterleben, und das wäre ein herber Verlust. Wie man ohne Worte alles sagt, wie Unsicherheit Gewalt wird und Gewalt in Zärtlichkeit kippt, dabei die Lächerlichkeit tragisch schrammt, das hab ich so noch nie gesehen. Und ich bin mir sicher, Büchner hätte diese Liebesszene zwischen Marie und dem Tambourmajor selbst gern so geschrieben …
Gehen Sie also bloß nicht prüde raus. Gehen Sie rein. Und denken Sie immer dran, der Traum hat seine eigene Logik. Welche diesem Stück, dieser Inszenierung zugrundeliegt, kann ich nur ahnen. Aber das macht nichts.Da ich kein bezahlter Kritiker bin, sondern nur meine ganz subjektiven Eindrücke vor mich hin beschreibe, muss ich nichts wissen oder gar besser wissen. Ich kann einfach ins Theater gehen und die Vorstellung genießen. Was ich bei diesem Stück sicher noch ein paar Mal tun werde. Auch, wenn ich ja weiß, Woyzeck ist nicht zu retten …

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