E oder U? Hauptsache gut!

Deutsche mögen Schubladen. Das ist zwar auch eine solche, aber mal ehrlich: Wer außer Deutschen beharrt auf die Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur? Dabei kann Geschmack so einfach sein – stets das Beste, lautete Oscar Wildes Maxime. Für mich und meinen Lesestoff gilt dagegen in Anlehnung an einen Titel Almodovars: Fessle mich!

Das geht mit unterhaltsamen respektive spannendem Krimi"handwerk" oft besser als mit sogenannter hoher Literatur – zumal, wer möchte schon einen footbreaker wie z.B. James Joyce‘ "Finnegan’s Wake" von Zug zu Zug schleppen? Ich geb zu, in dem Buch hab ich mich hoffnungslos verwirrt, da bin ich nie bis zum Ende vorgedrungen. Und für seinen "Ulysses" brauchte ich drei Anläufe, bis es mir letztendlich mit der Originalausgabe und so manchem, mir selbst laut vorgelesenen Kapiteln gelang, die Schönheit dieses Buches zu entschlüsseln.
Ob Regula Venskes "Juist Married oder Wohin mit der Schwiegermutter?" in diesem oder einem anderen Sinne ’schön‘ ist, weiß ich nicht. Es ist gut gebaut, locker geschrieben, und spielt in gekonnter Weise mit dem makaberen Muster von "Immer Ärger mit Harry". Mit den Ortswechseln der Leiche wandert die Perspektive jedes Mal in den Kopf einer anderen Figur hinein. Ein Insel-Mikrokosmos entsteht – das ist sehr reizvoll, selbst wenn ich mir ein stärkeres Ende des Ganzen gewünscht hätte.
Bei Britt Reismanns "Der Ruf der Schneegans" waren es die Figuren, die mich in ihren Bann zogen, der eigentliche Fall, die Ermittlungen, all das trat hinter Thea Engel und ihren Kollegen zurück. Ungewöhnlich für mich, denn meist empfinde ich das, was an Privatleben der Serienermittler in Büchern oder auch im Fernsehen präsentiert wird, als aufgesetzt, als unnötige Dreingabe, die nur von der eigentlichen Geschichte ablenkt. Da steckt wohl noch die Drehbuchautorin tief in mir drin, denn beim Film gilt die Regel, was die Geschichte nicht vorantreibt, ist überflüssig und fliegt raus. Ergo muss für mich das sogenannte Privatleben der Ermittler entweder mit der Geschichte an sich – die gern über den reinen Kriminalfall, den eigentlichen Plot hinausgehen kann – verwoben sein oder ich stoß mich dran, fang an, ungeduldig querzulesen und weiterzublättern.
Bei Britt Reissmanns "Schneegans" war jedoch das Gegenteil der Fall. Die Geschichte um die beiden Morde und deren Aufklärung ist gewiss nicht uninteressant – Stasi-Erbe und Altenpflege zu verbinden, das hat was, und diese Geschichte ist durchaus gekonnt gebaut und ebenso erzählt. Doch was mich wirklich fasziniert hat und weiterlesen ließ, war eben Thea Engel, waren aber auch die diversen, teils skurrilen, teils alltäglichen Nebenfiguren.
Klar, keines der beiden Bücher meiner Kolleginnen wird so lang in meinem Hinterkopf sitzen und mein Denken, Fühlen, Schreiben beeinflussen wie Shakespeares Stücke, Cervantes Bücher oder Virginia Woolfs Schriften. Aber sie haben mich gut unterhalten, mir angenehme Stunden geschenkt,und das ist’ne Menge wert. Und, mal ehrlich – wären Shakespeare, Cervantes, Woolf & co. ausschließlich lehrreich, erhaben, eben "ernsthaft" und nicht obendrein unterhaltsam und spannend, hätt ich sie wahrscheinlich nicht gelesen …

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