Sperrholzig

Bislang hat mir noch niemand erklären können, warum man in Essen den seltsamen Ritus von zwei Premieren an einem einzigen Wochenende pflegt. Gestern kam mir der Verdacht, dass man womöglich so die zweite Premiere, die in diesem Fall auch noch eine Uraufführung war, verstecken wollte. Schmelzpunkt heißt das Werk von Jan Neumann, und das ist noch das heißeste, was man darüber sagen kann.

Ungewollte Teenagerschwangerschaft als Thema einer Auftragsarbeit, das ist löblich gedacht. Und die zumeist sehr jungen Schauspieler, allen voran Marina Frenk als Susa und Matthias Eberle als Christoph geben gewiss ihr Bestes. Doch was sollen sie machen, wenn der Autor allen Figuren dieselbe Diktion vermeintlich cooler Kürzestsätzen auferlegt, mit der nicht mal die Illusion von Tempo zu erzeugen ist? Gegen Papier ist auf der Bühne kein Kraut gewachsen, das scheint auch das überaus nüchterne Sperrholzbühnenbild von Jörg Kiefel sagen zu wollen. So gern ich z.B. Katja Heinrichs auf der Bühne zuschaue, ich hätte ihr und ihren Kollegen eine echte Geschichte voll Spannung und Dramatik (gern auch Komik) gewünscht, in der Figuren agieren, denen der Autor jeweils eine eigene Sprache statt Worthülsen mitgegeben hat.
Keine Ahnung, ob Jan Neumann das Thema interessiert oder wie er überhaupt als Mann dazu kam, darüber schreiben zu wollen. Ich mein, ich liebe es beim Schreiben, mich in fremde Figuren samt ihren fremden Leben und ihrer möglichst individuellen Sprache reinzuversetzen, und ich lande dabei selbst immer wieder in fiktionalen Männerköpfen, Kindergedanken, Greisengefühlen. In fremden Schuhen und Hirn/Herzwindungen zu reisen, das gehört zum Autorendasein, wie ich es verstehe, dazu. Nur – man sollte auch seine Grenzen kennen und von Dingen, mit denen man nichts anfangen kann oder will (da mag einem was zu fern liegen oder zu nah gehen), die Finger lassen.
So seh ich das. Gestern … verdammt, gestern wurden mir persönlich gleich zwei Stunden geklaut. Eine davon bekomm ich im Herbst wieder. Die andere schien mir nach der wunderbaren Casa-Premiere von Fucking Amal vorführen zu wollen, wie langweilig Heterosexualität doch ist …
Wirklich schade. Das Thema wie die Schauspieler hätte etwas viel Besseres verdient. Also, meiner ganz persönlichen Meinung nach gibt’s mit besagtem Fucking Amal, dem Kick oder auch Ehrensache und Emilia Galotti in der Casa wahrlich genug interessante Stücke zu sehen.

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