JugendTheater

Bin ich zu jung, zu alt, zu kinderlos oder warum berührte mich so wenig an Nuran Calis‘ Bearbeitung von Frank Wedekinds Frühlings Erwachen? Über weite Strecken war’s schlichtes Jugendtheater – Theater von (Berufs)Jugendlichen für eben solche. Nun ist es wichtig und verdienstvoll, Kinder und Jugendliche ans Theater ranzuführen, keine Frage. Nur: Muss das auf die große Bühne und wenn ja, darf’s nicht ein bisschen mehr – mehr Kunst, mehr Komplexität z.B. – sein?

Modern wollte es das Staatstheater Hannover wohl haben, sonst hätte es das Original kaum von Regisseur Nuran Calis in Zusammenarbeit mit dem Rapper Rafel "Spax" Szulc bearbeiten lassen. Ich versteh zwar nicht, warum man unter den Umständen nicht gleich ein ganz neues Stück schreibt, aber sei’s drum. Wer Spax mag, wird auch die (teils akkustisch verflucht schlecht zu verstehenden) ‚Sprechgesänge‘ vermutlich mögen. Für mich steckte da zu viel pubertäre (Macho)Pose drin, aber das dürfte Geschmackssache sein.
Ist nicht mein Ding, so jung bin ich wahrlich nicht mehr. Und alt genug für seltsame Sentimentalität bin ich auch nicht – ich gehör jedenfalls nicht zu den Menschen, die mit erfreuten Stoßseufzern "Was ein Glück, dass ich die Zeit hinter mir hab" Pubertäres auf Bühne und Leinwand goutieren. Reaktionen aus dem Publikum nach zu urteilen, ging’s jedoch einer ganzen Reihe Erwachsener so, während die Jüngeren sich teils eins zu eins im Bühnengeschehen wiederfanden. Mich berührten manche Zweier-Szenen – ob die erste zwischen Melchior (Christoph Franken) und Wendla (Mila Dargies) oder auch die letzte Szene vor Moritz‘ (Holger Bülow) Selbstmord, in der er bei Ilse (Svenja Wasser) übel abblitzt -, das schon, sonst wär’s auch ein völlig verlorener Abend gewesen …
Dennoch: Wenn ich einen Theaterzuschauerwunsch frei hätte, dann wär’s zur Abwechslung mal wieder Theater ohne Videobeamer (auch wenn die selbstfahrenden Bühnenwagen mit ihren weißen Rückseiten natürlich reizvoll-variable Leinwände sind) und erst recht ohne Live-Cam. Bei Böschs Antigone war der Einsatz als Pseudo-Terror-Video immerhin Teil der Inszenierung, in Calis‘ Wedekind-Version ist es einfach nur modisches Beiwerk. Oder eben JugendTheater …

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2 Antworten zu JugendTheater

  1. Tim Kramer schreibt:

    So was Dämliches habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Gutes Jugendtheater ist immer noch mehr wert, als beliebiges Assoziationstheater im Erwachsenenbereich.

    Liebe Grüße Tim

  2. mischa schreibt:

    Ich habe nichts gegen Jugendtheater, sonst hätte ich kaum ein Jugentheaterstück geschrieben. Im Gegenteil, ich find’s schade, dass oft dem Jugendtheater zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (auch und gerade von den Kritikern). Aber darum ging’s ja grad nicht in diesem Beitrag, denn dieses Hauptbühnenstück sollte ja eigentlich ein „Erwachsenenstück“ sein. Bloß mich langweilt es unendlich, wenn mal wieder ein Regisseur meint, Theater müsse medial aufgepeppt und so „zwangsverjüngt“ werden – wie in der beschriebenen Wedekind-„Modernisierung“ von Nuran Calis.
    Viele Grüße
    Mischa
    P.S.: Was auch mal interessant zu untersuchen wäre, ist die Frage, was genau Jugendtheater und „Erwachsenentheater“ unterscheidet – oder unterscheiden sollte …

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