Opernnachtgesang

Gestern war Oper. In Essen – aber weder in der Philharmonie noch im Aalto-Theater, nein im Schauspielhaus musste es sein. Ursprünglich war Christian Josts Arabische Nacht ein Theaterstück von Roland Schimmelpfennig. Nur: Der Text ist grauenhaft schlecht, banal wie Reality TV auf RTL II.

Es ist mir schleierhaft, warum die Figuren ständig sag-singen, was sie tun bzw. tun würden, spielten sie die Handlung. Hält der Autor sein Publikum für blöd? Ist ihm sonst nichts eingefallen? Hat ein Satzfehler die Regieanweisungen mehrfach in die Dialoge kopiert? Keine Ahnung. Schade eigentlich, an sich ist die Mischung von zeitgenössischer Hochhausrealität und schwül-schwülstigem arabischem Märchen (also arabischem Märchen, wie Europäer es sich so vorstellen) ja kein schlechter Ausgangspunkt, weder für ein Stück noch für eine Oper. Es wird nur viel zu wenig draus gemacht und die unglaubliche Banalität des Textes, der stets ausspricht, was doch eh zu sehen ist – à la "Die ist Tür offen. Ich gehe hinein." – ist intelligenzbeleidigend und langweilig. Und damit man von dem Mist ja kein Wort verpasst, gibt’s auch noch Übertitel.
Das hätte es wirklich nicht gebraucht. Natürlich haben Opern oft banale Texte und seltsame bis keine Handlungen im theatral-dramaturgischen Sinne. Den Bogen spannt meist (immer?) die Musik, die ohnehin im Vordergrund steht – aber was soll ich dann mit Übertiteln? Wenn der Text belanglos ist, dann muss ich ihn auch nicht verstehen. Gestern abend hat er mich geärgert und abgelenkt, und das war schade, denn ich hätte mich gern mehr auf Bühnengeschehen und Musik konzentriert.
Gerade, weil ich weder Experte für Opern noch für zeitgenössische Musik, sondern nur neugierig auf Musik aller Art bin, hätte ich mir das gewünscht. Leider fehlt mir die Ausbildung und damit das Vokabular, meine Musikwahrnehmungen entsprechend differenziert zu beschreiben. Ich kann deshalb nicht sagen, ob zu Anfang ich mich einhören musste oder aber der Komponist erst zu seiner Komposition finden musste (vielleicht mussten sich auch alle Beteiligten erstmal zueinander finden). In der zweiten Hälfte fiel es mir leichter, so etwas wie Strukturen, Motive, Zusammenhänge zu entdecken, doch oft blieb grade die Verbindung zwischen Instrumenten und Stimmen für mich nicht erkennbar. Obwohl Josts Komposition für mich kein Ganzes ergibt, sich keine Gesamtdramaturgie der Musik erschließt, gibt es doch wunderschöne Momente. Fatimas (Bea Robein) Arie (wenn’s denn eine Arie ist und nicht ganz anders heißt) überm Kofferpacken ist ein solcher Augenblick, in dem alles zusammenkommt – Musik, Gesang, Bühnenbild, Haltung, alles stimmt und stimmt mich mit ein. Überhaupt ist Jörg Kiefels Bühnenbild wunderbar gelungen, sowohl was die Hochhausrealität als auch die (Alb)Traum- und (Horror)Märchenwelten angeht. Zusammen mit den Kostümen und der Regie entstehen immer wieder Momente, die sich über die Anstrengung des Zuhörens und vor allem das Ignorierenmüssen des Textes erheben und leuchten (wie das Innere der im Sand verlorenen Waschmaschine).
Auch der "Nachbar in der Flasche" (was sich – außer Albrecht Kludszuweit – dahinter verbirgt, verrate ich nicht 😉 hat solche Szenen, beim Hausmeister (Tomas Möwes)hakt es für mich eher, da hab ich das Gefühl, er würde gerne seine Stimme loslassen, alles geben, aber darf nicht, weil es in diese Oper so nicht passt. Franziskas Sopran (Alexandra Lubchansky) ist nicht mein Ding. Was allerdings absolut subjektiv ist – für mich ist Sopran häufig (nicht immer) ein Äquivalent zur Farbe Pink; auf beides könnte ich (meist) ganz prima verzichten oder so will es mir doch scheinen.
Wie gesagt, ich kann die Komposition nicht beurteilen. Mir scheint, Musiker, Sänger, musikalische Leitung (Stefan Soltesz) und Regie (Anselm Weber), Bühnenbild und -kostüm, sie alle haben sich tapfer geschlagen. Dummerweise waren sie dabei mit einem Text geschlagen, auf den wohl nicht nur ich gerne verzichtet hätte.

P.S.: Eine eigene Betrachtung wäre Opern- vs. Schauspielpublikum wert. Gewundert hat mich, dass die Menschen, die hinter mir die halbe Aufführung durchgähnten, hinterher geradezu begeistert, beinahe schon frenetisch applaudierten. Ich meine – ist alles Geschmackssache, aber wenn ich mich irgendwo zum Gähnen langweile, dann klatsch ich hinterher doch nicht wie wild.
P.P.S: Was mich wahnsinnig interessiert, ist wie andere Synästhetiker diese Musik erleben. Normalerweise findet sich für mich dort spätestens der Zusammenhang, der Zusammenhalt einer Musik. Gestern abend jedoch … sagen wir so: auf manchen meiner synästhetischen Kanälen geschah rein gar nichts (ganz was Neues). Auf anderen blieb’s unspektakulär bis nicht ein-, aber doch gerade mal zweitönig. Von daher – Synnies, her mit Euren Kommentaren!

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