Unter Vielen

Kein Publikum ist wie das andere, und damit muss ja jede Lesung anders sein. Und dann gibt es diese raren, besonderen, ganz anderen Lesungen – wie gestern Abend in Oberhausen, zu Gast bei Kaleidoskop, die sich der Selbsthilfe (& Öffentlichkeitsarbeit) zum Thema Multiple Persönlichkeiten verschrieben haben. Und damit war es eine Lesung „unter Vielen.“

Denn die meisten im Publikum wussten nicht nur – als Therapeutinnen, Freundinnen, Expertinnen – über Multiple Bescheid, so dass ich auf das übliche Maß an ‚zwangsläufiger Aufklärungsrabeit‘ in meinen Lesungszwischentexten verzichten konnte. Nein, viele oder eben die meisten gestern wussten sehr genau, was das heißt – Vielesein, sich den Körper, das Überleben wie das Leben teilen.
Doch, das war eine seltene Gelegenheit. Die einen (vielen) erkannten sich wieder im Text. Und auch ich konnte die Masken ganz anders fallen lassen, als das sonst in einem solch öffentlichen Rahmen möglich und wünschenswert ist.
Ich bin sehr froh drum. Denn nicht zuletzt dafür habe ich diesen Roman, diese Stimmengewirr geschrieben – damit sich Multiple wiedererkennen können, aber diesmal nicht nur im Horror dahinter, sondern auch in all der positiven Kraft, die in diesem Überlebens’mechanismus‘ steckt. Nicht immer nur, immer wieder Gewaltopfer, tapfere Überlebende, Menschen, die darum kämpfen, ihre traumatische Vergangenheit anzunehmen und damit zu leben, sondern vielfältige, intelligente, kreative, findige Menschen, die im Kollektiv so viel finden …auch Freude, Humor, Lebensglück, Alltag, halt „all that jazz“. Weil … was dem Überleben dient, muss doch im Alltag, im Leben nicht übel sein, nur weil die Mehrheit der Menschen keine Ahnung davon hat, oder?
Naja. Wenn Sie gestern nicht dabei waren, wenn Sie nichts über das Thema Mutiple Persönlichkeiten wissen, tja … dann verstehen Sie jetzt wahrscheinlich nur Bahnhof. Schätze, dann sollten Sie vielleicht erwägen, doch noch das Stimmengewirr zu lesen oder mal zu einer Lesung kommen/einladen …

P.S.: Spannend find ich auch Menschen wie eine der nichtmultiplen Zuhörerinnen gestern, die gar nicht mit dem (Galgen)Humor klarkam, der sowohl meine Lesung als auch das Gespräch mit dem Publikum durchzog. Wenn Nichtbetroffene sich plötzlich betroffen fühlen, können sie offenbar nicht mehr (noch nicht?) verstehen, warum Betroffen darüber lachen können … Ich denk ja, schlimm genug, wenn man von so viel Gewalt betroffen ist. Deswegen muss ich doch jetzt nicht pietätvoll-geknickt-dauerdepressiv in der Ecke hocken, um so richtig betroffen rüberzukommen … *seufz* Oder muss man Überlebender sein, um zu wissen, was mit dem Satz gemeint ist „(Galgen)Humor ist eine überlebenswichtige Eigenschaft?“

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4 Antworten zu Unter Vielen

  1. Silvia schreibt:

    Betroffenheit ist eben eine bequeme Ecke, aus der heraus sich man nicht wirklich auseinandersetzen muss. Man sieht das Betroffenheitsobjekt schlicht als Summe aller Leiden und weidet sich in seinem Mitgefühl. Ich als Ein-Personen-Mensch kann einem Multi zwar nur vor den Kopf gucken, hinter dem die Vielen stecken, aber wirkliche Akzeptanz beinhaltet doch, dies als Normalität zu betrachten. Und dann kann man eben über viele schräge Sachen gemeinsam lachen – und nicht zu vergessen: es ist nicht immer Galgenhumor, sondern ganz oft einfach Humor.

    Liebe Grüße
    Silvia

  2. mischa schreibt:

    Klingt einleuchtend, was du zu Betroffenheit und Bequemlichkeit schreibst. Hinzu kommt für mich noch der unangenehme Geschmack der Bevormundung: Da fühlt sich jemand betroffen von etwas, das anderen widerfahren ist, und will ihnen dann am liebsten auch noch vorschreiben, wie sie sich hinterher angemessen zu verhalten haben. *kopfschüttel*
    mischa

  3. Britt schreibt:

    Dazu fällt mir der Aphorismus von Feuerbach ein:
    „Der Humor trägt die Seele über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leid spielen“.

    Es gibt immer und überall Nichtversteher, auch in Sachen Humor. Wichtig ist doch aber, dass die „Wissenden“, die Insider nämlich, offenbar ganz und gar auf deiner Wellenlänge lagen.
    Denk mal, andersrum wärs doch viel peinlicher gewesen. 😉

    Liebe Grüße von Britt,
    (für die Galgenhumor auch überlebenswichtig ist)

  4. mischa schreibt:

    Liebe Britt,
    danke für „den Feuerbach“. Und alles andere auch.
    liebe Grüße
    Mischa

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