Schlammschlachten

Die Theaterpause ist vorbei. Klassisch begann am Essener Grillo-Theater die neue Saison – nämlich mit der Orestie von Aischylos, inszeniert von Roger Vontobel.Wobei die Frage wäre, was heißt hier Inszenierung?

Im ersten Teil zieht sich so manches hin – Momente werden überdehnt, Pausen zelebriert, Gesten und allerlei symbolische Handlungen mit viiiiiiiiiieeeeeeel Zeit pseudobedeutungsvoll aufgeladen. Das ist schade, denn zwischendrin ist sie doch da, die Spannung des alten Textes, ob nun im Grübel-Wüten-Grübeln von Orestes (Matthias Eberle) oder in Kassandras (Nadja Robiné ) poetisch-weiten Einsichten. Und zugleich passt es, denn in leerem Gestus erstarrt ist auch Claudia Rohners Bühne: Den ersten Teil bestimmt ein papierenes Segel im sonst leeren Bühnenraum, das  (neben der griechischen Flotte, natürlich)  an einen überdimensionalen Einkaufszettel erinnert; der zweite Teil spielt vor dem eisernen Vorhang (alles was Recht ist oder: Elektra ist oder hat sich ausgesperrt) und dann kommt die schlammige Ebene der Blutrache. Ist es nur recht und billig, Kriegsschlacht, Familienschlachten, Blutrache und unsinnige, weil nicht einhaltbare "göttliche Gesetze" aufs Ringen im Schlamm zu reduzieren oder ist das recht billig?
Ich weiß es nicht. Ich hatte mehr erhofft. Okay, ich hab mich drei Stunden lang nicht gelangweilt und find’s auch nicht schlimm, wenn ich im Theater sitzend plötzlich über andere Dinge nachdenke – Fragen wie "Welchen Zusammenhang zwischen Hamlet und der Orestie gibt es womöglich? Ist Hamlet einfach ein Konglomerat aus der zaudernd-fordernd-jammernden Elektra und dem getrieben-handelnden Orest?" haben ja was für sich.
Ich find’s aber schade, wenn ich dabei einer höchst unglaubwürdigen Elektra (Barbara Hirt) zuschauen muss, die sich spastisch windet und deren pseudo-kindlich, schein-authentischen Ton ich nicht mehr hören kann. Und ich find’s traurig, wenn der Regisseur kurz vor Schluss im Gericht der Erynnien die Tragödie mal kurz zur Farce werden lässt — wofür, frag ich mich?
Insofern – die Ferien sind zuende. Und alles weitere muss man sehen.

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