Einsames Schreiben im Block(ade)haus

Wissenschaftliche Bücher können es in sich haben. Gut, viele Texte dieser Sorte sind für mein Empfinden voller Redundanzen, dafür ohne Verve, ohne Sinn für Spannung (langweilen sollte Wissenschaft wohl kaum, oder?) und vor allem ohne klare Prioritäten. Da wird gern jedes noch so irrelevante, aber erforschte oder gerade mal angelesene Detail breitgewalzt und ich krieg einen Lesekrampf. Dass es auch anders geht, beweist in mehr als einer Hinsicht Gisbert Keselings "Die Einsamkeit des Schreibers".

Nein, liebe Kollegen, für Schriftsteller ist das Buch nur dann geeignet, wenn sie ein gewisses wissenschaftliches Interesse mitbringen oder (wie ich) auch Schreibseminare unterrichten. Denn Keseling geht es primär um das Verfassen akademischer Texte.
Primär heißt aber nicht ausschließlich und so bin ich über diverse, erstaunliche Ideen gestolpert. Zum Beispiel hatte ich mir nie klargemacht, dass die Einsamkeit beim Schreiben fast etwas zwangsläufiges ist – denn Sprache ist psychologisch wie historisch doch zuallererst immer ein mündliches oder vielmehr dialogisches Kommunikationsmittel. Sprich: Tief in sie eingeprägt, tief auch in unsere Erfahrung mit dem Spracherwerb als Kleinkinder eingebettet, ist die Erfahrung des Sprechens und Hörens, auch des Gehörtwerdens (wenn alles gut geht, heißt das …). Beim Schreiben jedoch sind wir allein, kein greifbares Gegenüber da, kein Dialogpartner in Sicht, und ob und wenn ja, wann man vielleicht mal eine Reaktion auf das Geschriebene bekommt, das steht in den Sternen …
Der Gedanke hat was, und der hat ganz sicher für belletristische Schriftsteller genau so viel Denkfutter zu bieten wie für Psychologen oder Sprachwissenschaftler.
Was jedoch von Keselings Aussage zu halten ist, dass es schwierg sei, gleichzeitig zu planen (also den ganzen Text, was immer er sein mag, oder auch nur die nächst größere Einheit, den Absatz, das Kapitel im Blick zu behalten etc.) und zu formulieren, weiß ich nicht. "Beim Planen haben wir es hauptsächlich mit Vorstellungen zu tun und beim Formulieren mit Sprache" – äh, vielleicht ist das für Wissenschaftler so. Als Autor, als Sprach-Mensch gibt es für mich zumindest gefühlt keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Vorstellung und Sprache, vielmehr bilden beide beim Schreiben eher ein sich ergänzendes Paar.
Aber, wie gesagt, Keseling will ja auch gar nichts zum Schreiben von Belletristik oder dichterischen Einsamkeit am Schreibtisch sagen. Dennoch liest sich das Buch (nicht nur für ein sozialwissenschaftliches solches) wirklich über weite Strecken sehr spannend (selbst, wenn auch er dem akademischen Vollständigkeitswahn nicht immer ganz entgeht) …

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