Ladylike

Manche Bücher sind entzückend altmodisch, zauberhaft in ihrer Zeit verhaftet und deshalb hübsch zu lesen. Auf Elisabeth von Arnims "Verzauberter April" trifft all dies zu und dennoch ist es kein wirklich nostalgisches Buch.

Es spielt zwischen den Weltkriegen, weil es genau in der Zeit entstand. Eine seltsame Unschuld liegt selbst in den wenigen Verweisen auf den Krieg – stimmt, in den 20er Jahren konnte man das noch glauben, dass der Erste Weltkrieg der einzige bliebe …
Als "comedy of manners" bezeichnet der Klappentext das Buch und lobt die Leichtigkeit des Erzählens. Hat beides seine Richtigkeit, und doch … gelegentlich denken die Figuren zu viel über dasselbe nach ohne zu Handeln, ohne sich zu verhalten, gar Haltungen einzunehmen. Und an diesen Stellen wird von Arnims leichte Erzählweise gelegentlich auch geschwätzig.
Was nichts schlechtes sein muss. Hat was von einer klassischen britischen Teatime – die Rollen sind verteilt, lang bevor die Gäste ankommen, und selbst ein Ausbruch würde niemals das Porzellan gefährden, ja, wäre doch zumeist als "exzentrisch" wieder gesellschaftsfähig zu denken … die Gespräche sind gepflegt, gewiss auch gebildet, doch sind sie mehr eine Form der sozialen Interaktion denn des Meinungsaustausches.
Der geistige Nährwert entspricht dem physiologischen eines Gurkensandwiches oder eines Scones (mit clotted cream und strawberry jam) …
Das muss man nicht als Abwertung sehen. Das kann sowohl gesellschaftlich wie auch kulinarisch eine Kunst sein (die britische Küche wird notorisch unterschätzt, aber das nur am Rande). Ich glaube, was mich trotz allem Lesegenuss am Ende leicht unbefriedigt zurücklässt, hat andere Gründe. Genau genommen ist das nicht Elisabeth von Arnims Schuld – sie löst ein, was sie verspricht -, sondern die ihrer großen literarischen Schwestern Jane Austen und Virginia Woolf.
Wären die drei Malerinnen, dann würde ich Elisabeth von Arnim dem Rokkoko zuordnen – leichte, fluffige, pastellfarbene Schäferidyllen kommen mir in den Sinn -, während Jane Austen eine gestrenge, naturgetreue Porträtistin des 18. Jahrhunderts wäre, jemand, die tief blickt und ernst nimmt, ohne dabei kritische wie ironische Distanz zu verlieren. Viriginia Woolf dagegen käme sowohl als Worpsweder’sche Landschaftsmalerin als auch als Gesellschaftskünstlerin im Stile eines Otto Dix in Frage. Damenhaft sind alle drei, ladylike Teetasse wie literarisches Skalpell führen können sie allemal, doch wo Elisabeth von Arnim an den Oberflächen bleibt, zeigen Austen und Woolf Tiefe und eben auch die dunklen Seiten ihrer jeweiligen Realität.
Wie gesagt, von Arnim kann nichts dafür, dass meine ausgiebige literarische Bekanntschaft mit den Damen Austen & Woolf bei mir hohe Erwartungen an schreibende Frauen geweckt haben. Vor allem kann sie nichts dafür, dass sie so viel mehr im Frausein oder doch der Frauenrolle ihrer Zeit aufzugehen scheint als Jane Austen, Viriginia Woolf oder ich selbst das je gekonnt oder auch gewollt hätten …

P.S.: Ich bin höchst dankbar dafür, dass sie mir über die Leselust an ihrem Buch die zum Wiederlesen der gesammelten Werke von Jane Austen (noch schlimmer unterschätzt als die englische Küche, am allerschlimmsten von den romantisch seufzenden Fans) und Virginia Woolf wiedergeschenkt hat …

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