Wiedererkennungseffekte

Lesungen mit Ausstellungen zu verbinden, hat aus meiner Sicht diverse Vorteile. Neben dem beschäftigungstherapeutischen Ansatz – wer eine Ausstellung hängt, hat keine Zeit für Lampenfieber – und dem ästhetischen Aspekt (nicht jeder Lesungsort ist an sich schön … oder nur passend) ergibt sich aus den Bildern obendrein noch zusätzlicher Gesprächsstoff für die Frage- und Diskussionsrunde nach der Lesung selbst.


Gut, ich geb’s ja zu: Den Depri-Engel, wie ich dieses Werk für mich nenne, nach Westhauderfehn mitzunehmen, hatte dank des Backsteinbaus im Bild durchaus was davon, Eulen nach Athen zu tragen. Dennoch konnte ich nicht widerstehen …
Vielleicht war das fürs Publikum die visuelle Parallele zum Entzücken ob der Erkenntnis, Rattes Gift spielt in Leer und damit für die Rhauferfehner quasi grad ums Eck? Ich muss zugeben, zu dieser Seite des Regionalkrimis habe ich ein höchst gespaltenes Verhältnis. Freut mich schon, wenn meine Leser sich freuen, aber wieso scheint wenig so unmittelbares Entzücken auszulösen wie die Erkenntnis, dieses Stück Literatur spielt vor meiner Haustür?
Warum ich über Orte schreibe, die mir was sagen, ja, womöglich viel bedeuten – wie etwas der Rhein – find ich logisch, naheliegend, eigentlich so selbstverständlich, dass man’s nicht mal mehr näher erwähnen müsste. Und dass es sich gelegentlich anbietet, Geschichten an Orten spielen zu lassen, die realen nachempfunden sind – denn natürlich ist z.B. Austers New York nicht deckungsgleich mit dem von Truman Capote, und diese beiden Versionen der Stadt haben vermutlich herzlich wenig mit der eines realen Taxifahrers im realen Manhattan zu tun -, ist geschenkt.
Aber ich verstehe nach wie vor nicht, warum der Faktor Region respektive Wiedererkennbarkeit derselben, ein Verkaufsargument für Bücher und ein Begeisterungsauslöser für Leser ist. Reiseführer lösen so etwas doch auch nicht aus …
…. und wenn ich dran denke, wieviel Arbeit, Nachdenken, Nachspüren neben aller Recherche, allem Erlebt- und Erfahrenhaben, vom Figurenschaffen und Szenenfinden, Handlungen entwickeln und eine ganz spezielle Sprache er-finden in einem Buch steckt, dann ist es manchmal ein klitzeklein wenig befremdlich, wenn am Signiertisch wer ausruft "oh, ja, der Julianenpark, da wohnt eine Freundin von mir, ja der ist ganz genau so!" oder, noch simpler jemand feststellt "also, Geschichten, gar spannende, mit Verbrechen und so, die gleich vor der Haustür spielen, die sind ja besonders toll". Das ist ein bisschen so, als ob ein Konfekthersteller ganz neue Pralinen kreiiert, mit Liebe und besten Zutaten zubereitet, und dann reißt ihm wer die Packung aus der Hand, dass die Pralinen durch die Luft fliegen, und ruft "oh so eine Schachtel wollte ich schon immer haben, die ist so schön viereckig!"
Okay, das ist jetzt etwas übertrieben. Womöglich wollen all diese Menschen nur höflich sein und sind hinterher mindestens so aufmerksame wie kritische Leser.
Letztlich ist es ohnehin so, dass man als Autor mit dem Moment der Veröffentlichung die Deutungshoheit über die Geschichte verliert. Ein Buch ist in meinen Augen dann gelungen, wenn jeder etwas anderes und auch etwas von sich darin findet. Wenn das dann der Julianenpark oder der Alte Hafen in Leer ist, sei’s drum. Ich find ja Sex’n’Drugs in Rattes Gift viel spannender und den Clash der ähm Kulturen, wenn’s um Kreativität und Kriminalität geht, doch, wie gesagt, das ist meine subjektive Ansicht, nun warte ich doch mal ab, wie andere Menschen das Dings lesen … und ob’s am Ende mehr Fragen zu Regionalia als zum Drogenthema gibt oder das Publikum mich auf ganz neue Aspekte bringt … ich werd’s ja sehen.

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3 Antworten zu Wiedererkennungseffekte

  1. Silke schreibt:

    Also, ich kenn mich „da oben“ geografisch gesehen ja nich aus – war aber nun für 1 ½ Tage dort „zu Besuch“ (mit Ratte, Charlie und Co. sozusagen), um mir selbst ein Bild zu machen. Kann nur sagen: Mächtig was los, da oben – kaum zu glauben, dass ich schon wieder „zurück“ bin (eeecht??), hier auf meinem Sofa, bleibt (teilweise) nur zu zitieren: „Damit hab ich nicht gerechnet. Nicht so jedenfalls. Aber das ist eine ganz andere Geschichte“. WOW! Habe es seeehr genossen, das endlich(!) erschienene Buch – in kurzer Zeit – „verschlungen“ zu haben. Puh! WOW!! Und: SCHNIEF, dass es schon vorbei ist…Naja, am 16.10. noch mal… 🙂

  2. Beate Blumenthal schreibt:

    Hallo Michas!
    ich les hier ganz sporadisch, wenn ich grad mal so durch Zufall hier lande..
    Das Buch habe ich leider noch nicht gelesen.
    Erst einmal freut es mich auf diesem Wege ab und an zu sehen, was es so an Neuigkeiten gibt. ..
    Also ..
    weswegen ich grad jetzt schreibe?
    Ich wollte einfach mal sagen, das Bild gefällt mir ausgesprochen gut.
    Wer hats gemalt? Wenn ich neugierig sein darf..
    euch einen ganz liebe Gruss
    Beate

  3. mischa schreibt:

    @beate: punk rules (the brush);-)
    schön dich mal „wiederzusehen“ 🙂

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