Verliebt in eine Ziege

Ein Mann, der alles hat, verliebt sich in eine Ziege, und verliert darauf hin alles. So kurz und knapp könnte man Edward Albees Die Ziege oder Wer ist Silvia? zusammenfassen. Doch das wäre zu einfach, zumal der Autor sich nicht zwischen Komödie oder Tragödie entscheiden mag. Regisseur Henner Kallmeyer entschied sich in Essen für ein beherztes Sowohlalsauch, und bekam für mein Empfinden bei der gestrigen Premiere im Grillo-Theater dafür nicht den verdienten Applaus.

Sicher, das Stück hat Schwächen. Ich fragte mich nicht, wer Silvia sei – das ist halt der Name, den der verliebte Martin, gespielt von Jürgen Hartmann, seiner Ziege gibt -, unklar blieb mir vielmehr, wer denn nun Ross (Holger Kunkel) sein sollte. Die anderen Figuren, das eben noch so perfekte Paar Martin und Stevie (Bettina Engelhardt) nebst schwulem Teeniesohn Billy (Dimitrij Schaad), gewinnen Ecken, Kanten, eben Konturen, im Verlauf des Stücks. Und mit ihnen gelingt immer wieder mal, was Albee erklärtermaßen als Ziel definiert: dass man sich als Zuschauer die Frage stellt, wie fühlt sich die jeweilige Position in der Konstellation an? Wie ist es wohl, eben noch als Jungschwuler der Exot der Familie gewesen zu sein, um dann einem Ehestreit beizuwohnen, wo es um Daddys vierbeinige Geliebte geht? Wie tief ist der Fall ins Bodenlose, wenn man erfährt, der Gatte hat einen nicht einfach nur betrogen, nein, er beharrt darauf, einen selbst im gleichen Maß zu lieben wie die Ziege Silvia? Und was geht im Kopf und in andern Körperteilen eines Menschen vor, der ernsthaft glaubt, ein Tier so zu lieben und zu begehren wie einen Menschen?
All das sind durchaus interessante Fragen mit vermutlich ebenso viel komischen wie tragischem Potenzial. Doch wer ist Ross, dieser kleine dicke Kerl, der behauptet, Martins "ältester nein längster nein eben der Freund, der ihn am längsten kennt" zu sein, der ihm das sodomistische Liebesgeheimnis entlockt, um es dann brühwarm der Gattin in einem Brief zu enthüllen? Gewiss, die Videoszene am Anfang ist hübsch anzusehen und gut inszentiert. Dennoch bleibt diese Figur so sehr aufs Ganze gesehen blass, dass ich nicht glaube, Schauspieler und/oder Regisseur sind hier gescheitert, nein, hier hat vermutlich der Autor geschlampt. Ross ist da, weil es eben einen Verräter, einen Judas braucht.
Denn in der Inszenierung steckt so viel Liebe zum Detail – das Spiel mit der einen Brille, die sich Stevie und Martin im ersten Akt teilen ist nur ein Beispiel -, und zur Körperlichkeit der jeweiligen Figur (Vater und Sohn sind oftmals beredeter in ihren stummen Gesten und Gängen als im noch so geschliffenen Dialog, was die Kostüme von Julia Ströder dezent aber wirkungsvoll unterstreichen), dass ich nicht glauben kann, da wurde eine ganze Figur vom Regieteam übersehen.
Amüsiert hab nicht nur ich mich wunderbar, gelacht wurde an diesem Abend viel – selbst, wenn so mancher Lacher dann doch im Halse stecken blieb. Ich hätte mir manches vom Stück her absurder gewünscht, aber das mag daran liegen, dass Sodomie zu den Tabus gehört, die mir nicht allzu viel sagen, zu denen ich keine spontane und ausgeprägte Meinung habe. Ein wenig hab ich auch da den Verdacht, dass Albee dieses Tabu zum einen um der (scheinbaren?) Klarheit des Tabus willen und zum anderen aus dramaturgischen Gründen wählte: Wäre Silvia keine Ziege, hätte Stevies Mord an der Nebenbuhlerin nun mal eine ganz andere Bedeutung …
So ist eben das Ende das Stücks. Einerseits konsequent, andererseits nun ja, vielleicht wär’s auch anders, besser, pointierter gegangen.
Aber all das sind in meinen Augen Schwächen des Stücks. Die Inszenierung find ich nicht nur vor dem Hintergrund, dass hier ein komplettes Stück eingschoben wurde, es nur vier Wochen Vorbereitungszeit nebst einenm bereits vorhanden, nun neu zu füllenden Bühnenrahmen (Kathrin Schlecht) hab, sehr gelungen. Danke für den schönen Abend … und wie schmeckt eigentlich Ziege? 😉

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