Die Verborgenen II

Eigentlich wollte ich auf Britts Kommentar mit einem ebensolchen antworten, aber was mir dazu einfällt, würde den Rahmen sicher sprengen. Denn ich seh da so manches anders … was damit beginnt, dass Matt Ruff zwar einen Roman über Multiple Persönlichkeiten geschrieben hat, selbst aber nicht multipel ist. Set this house in order ist gut recherchiert, keine Frage, hat aber dennoch diversem fast zwangsläufige Macken drin … sozusagen für’nen Nichtmulti echt nah dran, aber eben doch noch daneben …

Truddi Chase und Robert B. Oxnam dagegen haben autobiographische Werke geschrieben, von denen es inzwischen eine Menge und das nicht mal nur von Amerikanern geschriebene gibt. Nichts gegen dieses Genre – nicht umsonst gehört When the rabbit howls zu den Büchern, die ich nur höchst ungern verleihe -, aber diese Bücher handeln im Prinzip alle von der schmerzhaften Entdeckung des eigenen Vieleseins und der mehr oder weniger gelingenden Aufarbeitung der zugrundeliegenden Traumata im Rahmen einer Therapie. Als authentische Erfahrungsberichte sind solche Bücher Gold wert, keine Frage. Dennoch haben sie nicht dazu geführt, dass sich nun massenhaft Multiple, und sei es nur in Amerika, als solche outen würden. Nach wie vor bleiben die meisten Multis im Verborgenen und nach wie vor begreifen viele Viele das Vielesein geradezu als Makel oder schämen sich der überlebten Gewalt … dass man als Multipler Mensch nicht nur Kindheiten in der Hölle überleben kann, sondern als Viele auch leben kann, einfach so, wie andere Menschen auch, das ist für viele Menschen (einfach oder multipel) ein ungewohnter, oftmals geradezu unerhörter Gedanke.
Mich hat das vom ersten Moment der Bewusstwerdung irritiert: Wenn etwas geeignet ist, schwerste Verletzungen seelischer wie körperlicher Art zu überleben, dann wird man damit ja wohl auch das ganz normale Leben leben können. Alles andere wäre völlig unlogisch und, okay, geb ich ja zu, für solch stures Optimistenpack wie wir es sind, auch inakzeptabel.
Natürlich wird das Leben nicht leichter, wenn man, will man sich zeigen, jedes Mal gezwungen ist, sich zu erklären – und das meist gleich stundenlang und länger. Aber das Leben als Gewaltüberlebende ist unabhängig von der eigenen Ein- oder Vielzahl schon ähm anders … weil es so vieles gibt, das man mit anderen Menschen nur auf das Risiko hin, wahlweise den anderen zu verletzen, vor den Kopf zu stoßen oder zu hören zu bekommen, dass „so etwas“ bestimmt nicht passiert sei, das sei ja viel zu krass und heftig etc.
Dafür muss man meiner Erfahrung nach gar nicht übers Vielesein reden. Dafür reicht es, die Oberfläche der überlebten Verletzungen zart anzudeuten … 😦
Also denk ich mir, wenn ich nur die Wahl zwischen Verschweigen und Anecken hab, bin ich für letzteres.

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3 Antworten zu Die Verborgenen II

  1. Britt schreibt:

    Bei Ruff war ich nicht sicher, ob er Multi ist oder nicht. Ich vermutete Ersteres, weil er in seinem Buch so in die Tiefe geht, wie ich es mir als Nicht-Multi bei aller Recherche niemals trauen würde. Und wenn du mal gaaaaanz viel Zeit hast, magst du mir vielleicht mal schreiben, was bei Ruff „daneben“ ist? Interessiert mich einfach heftig.

    Ach ja, und zu deinem letzten Satz: Hab ich dir schon mal den Herman Van Veen zitiert? Mein Lieblingszitat von ihm:
    „Wenn ich nichts verberge, habe ich eine Chance. Wenn du mich dann verletzen willst, ist das deine Verantwortung!“
    Hat mir schon manches Mal geholfen.

  2. Jennifer schreibt:

    DAs problem mit dem Überleben ist, dass du dich selber jedes Mal wieder als Opfer fühlst, so wie die Leute DICH dann ansehen. Und das gleichzeitig mit Sätzen: „Na so schlimm wird nicht gewesen sein, sonst wärst du jetzt ein ganz anderer Mensch und hättest nicht so ein tolles Leben!“ entwerten. Was soll man darauf sagen. Entschuldiung, dass ich nicht unter der Brücke liege mit der Nadel im Arm?

  3. mischa schreibt:

    @Britt: ich müsste Ruff erneut lesen, um das im Detail benennen zu können. Vom Prinzip her würd ich’s so erklären, dass sein „danebenliegen“ mich an einen Mann denken ließ, der aus Sicht einer Frau erzählt, und vor lauter Authentizitätsbmühungen eine ganz schräge Beschriebung dessen liefert, wie sich die Spannung im Unterbauch anfühlt, kurz bevor man äh frau ihre Tage bekommt.
    @Jennifer: Unsere Reaktion auf derlei wär personen- und situationsabhängig. Wenn wir wollen, dass so jemand einfach nur die Klappe hält, wird man mal’nen Hauch konkreter in Sachen überlebter Gewalt. Aber generell sind wir der Ansicht, die beste Rache (egal an wenm … 😉 ist ein gutes Leben.

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