Und ewig lockt das Weib …

Dass ich mich in Sachen Musik, isb. sämtlicher klassischer Varianten, als Analphabetin fühle, hab ich sicher schon mal erwähnt. Aber das muss ja nichts heißen bzw. das heißt in meinem Fall ganz sicher nicht, dass ich deshalb Ohren und Finger davon ließe. Gestern war ich also im Aalto, um mich zwei Stunden lang Alban Bergs Oper Lulu auszusetzen. Ein Experiment. Und nun dazu der höchst persönliche, äußerst subjektive und ein wenig synästhetisch eingefärbte Bericht … 

Zwölftonmusik also. Da fehlt mir dann alles, Theorie, Sprache, Ausbildung. Das kann ich nur anhören und schauen, was passiert. Die instrumentale Seite war auch ohne Melodien und ähnliche, vertraute Spannungsbögen hochinteressant. Sie erinnert ein wenig an Stummfilmmusiken, allerdings mit sehr viel weniger Pathos als dort üblich, was mir wiederum gut gefällt.
Schwierig find ich, dass mein ungeübtes Ohr keinen Zusammenhang zwischen dem, was das Orchester spielt und dem Gesang (Sprech-Sing-Gesang mit gelegentlichen Schrei-Kreisch-Einlagen könnte man es auch nennen, und ich mein das ganz neutral, schlicht beschreibend) erkennen kann. Nicht mal in der Rhythmik kommen diese beiden Fäden für mich zusammen. Vielleicht wäre das zu verschmerzen; womöglich würde ich mich da einhören. Nach der Pause bin ich mit meiner Begleitung nicht mehr in die zweite Reihe zurückgekehrt, sondern nahm in eine fast leeren Reihe am hintersten Ende des Parketts Platz. Das hatte immerhin den Vorteil, dass sich die Musik sehr viel besser und harmonischer (sofern man das bei Neuer Musik sagen kann oder darf) mischte und vor allem so auch der Gesang nicht mehr so leicht das Orchester komplett übertönte.
Vor den platten Texten jedoch, die Alban Berg für das Libretto nahezu eins zu eins aus  Wedekinds Dramen Der Erdgeist und Die Büchse der Pandora übernahm, rettete das nicht. Diese Idee des "Ewigweiblichen", diese Lulu ist nun mal inhaltlich der hanebüchernste Schwachsinn, den sich nur ein sexuell repessiv erzogener, heterosexueller Mann, ein sogenannter Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts ausdenken konnte – diese Geschichte an sich müsste man weder Schauspiel- noch auf der Opernbühne sehen.
Wobei, das Bühnenbild in Essen bietet an sich mit seinem halb durchscheinenden und zugleich als Projektionsfläche dienenden Vorhang, bei dem man nie wusste, seh ich grad den realen Umbau oder ist das ein Film oder wo mischt sich das, genug Sehenswertes. Allein die überblebensgroßen Lulu-Gemälde und die Kostüme anzuschauen wäre schon fast den Besuch im Aalto wert gewesen.
Dazu kam sowohl die beachtliche schauspielerische wie musikalische Leistung der Sängerinnen und Sänger, die sich mit Ausnahme des Darstellers des Athleten als überraschend gute Sprecher erwiesen. Wie man solche Text-Musik-Partituren lernt, wird mir vermutlich ewig ein Rätsel bleiben … dass Stefan Soltesz als musikalischer Leiter und Dietrich Hilsdorf als Regisseur hier Großes geleistet haben, steht selbst für mich Opernlaien außer Frage. Das war die erste Oper, bei der die Handschrift der Regie wirklich eine Stückinterpretation zu sein schien, wie ich sie sonst nur aus dem Sprechtheater kenne. Und das mit diesem grauenhaften Text – das verdient Respekt.

Was mich aber – mal wieder – noch mehr interessieren würde: Wie erleben andere Synästhetiker dieses Opernwerk in Zwölftontechnik? Auf der visuellen Seite, also meiner zweiten Wahrnehmungsebene in Sachen Musik, erwies sich der Gesang als eine Art Störfeuer. Das Orchester hatte auch im für mich sichtbaren Bereich die Klang-Farben, die Ton-Strukturen und das Körper-Hören (ich brauch also wirklich ganz neue Wörter, wenn ich über diese Seite meines Wahrnehmens schreiben will), die ich von all dem, was ich als Musik höre (und dazu gehört bei mir wenigstens im Klang-Farben-Bereich auch das, was ein MRT so an Tönen und Rhythmen produziert, während man drinnen in der Röhre liegt). Für den Gesang stimmte das jedoch fast nie. Aber anders als Geräusche, die ich sonst ausschließlich höre, die keine zweite Wahrnehmungsebene besitzen, bekam der Gesang eine zerstörerische Qualität. Wie ein aggressiver Radierer löschte er die "Synneswahrnehmungen" der Instrumente aus, riss Lücken und Löcher in die Textur dessen, was ich da Hör-Sah. Sehr eigenartig. Also, falls hier andere "Synnies" mitlesen, die es gelegentlich auch in die Oper und dann in Werke wie dieses verschlägt, würde ich mich über Kommentare oder auch Mails zum Thema sehr freuen.

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