Zu simpel gedacht?

Im Grunde genommen ist es ein Standard wie der Eckball im Fußball: Viele Thriller wie auch Kriminalromane setzen die (personale) Perspektive des Täters eingestreut in die (personale/n) Perspektive/n des Ermittlers/nächsten Opfers/der ‚eigentlichen Hauptfigur‘ zur Spannungserzeugung ein. Leider nervt mich genau das in den meisten Fällen …

… es kommt mir billig vor, viel zu billig. Vor allem, weil bei Romanen zudem noch der ‚Überraschungseffekt‘ genutzt werden kann, der entsteht, wenn man aus dem Kopf einer Figur heraus erzählt, die man dabei nie von außen zeigt — also wenn man im Täterdenken steckt, ohne dessen Gesicht, dessen Identität je preiszugeben.
Diese literaturspezifische Erzählweise (im Film ist sie möglich, bedeutet aber einen ungleich höheren Aufwand, der selten verhindern kann, dass diese Perspektive rasch künstlich wirkt) kann grandios eingesetzt werden – Pelham One Two Three ist nur ein, wenn auch ein besonders gelungenes Beispiel für dieses Spiel mit Anonymität und Intimität. Dort befindet sich der Leser in den Figuren, die einander beobachten und belauern – und man braucht eine ganze Weile, bis man nach und nach entschlüsselt hat, welche Gedankengänge zu welcher Gestalt gehören und was für eine Rolle er in dem Ganzen spielt.
Im weitaus häufigeren Standardfall sind maximal zwei Personen so ‚aufgeteilt‘ – beim Täter bleibt dem Leser lang die Identität, also seine ‚Außenseite‘ verborgen, während beim falschen Verdächtigen nur die Außenseite gesehen durch die Augen einer oder mehrere anderer Figuren präsentiert wird, seine Gedanken jedoch nicht erzählt werden. Logisch, sonst könnte sich kein Kapital draus schlagen lassen, sonst gäbe es die ‚Spannungsfrage‘ "ist er’s oder ist er’s nicht" ja gar nicht.
Aber genau das nervt mich. Ja, manchmal geht das auf, manchmal gibt es trotz der oberflächlichen Standardstruktur noch überraschende Wendungen und ein Ganzes entsteht – meistens jedoch ist es nichts als ein billiger Trick, um eine leidlich spannende Geschichte zu erzählen.
Manchmal erscheint’s mir, als machten meine lieben Kollegen es sich so sehr leicht oder auch zu leicht. Wer nach Belieben die Perspektive wechselt, muss sich kaum Gedanken über Logik und Aufbau der Geschichte machen. Und einfach selbst ein künstliches Geheimnis in die Story einzubauen – etwas anderes ist das Verheimlichen der Identität des Täters ja nicht -, naja, das ist auf keinen eine individuelle Qualität der jeweils zu erzählenden Geschichte, nichts, was sich zwangsläufig aus dieser ergibt …
Wenn ich mir dieser Standardmuster anschaue, dann verstehe ich auch und um so mehr, warum man, als vor ein paar Jahrhunderten die Prosa Einzug in die Belletristik hielt, diese erstmal für ‚keine Kunst‘ hielt. Im Vergleich mit dem Ringen um Ausdruck, das einem Dichter z.B. die Form des Sonetts auferlegt, ist das Runtererzählen eines Spannungsromans in der Tat banal. Und doch … auch Romane können Kunst sein. Allerdings selten, wenn man es sich einfach zu einfach macht.

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