Bildungsbürgerabstiegskarussel

Bis auf den allerletzten Platz ausverkauft war’s gestern in der Premiere von Buddenbrooks im Essener Grillo-Theater. Applaus gab’s auch. Doch was passiert eigentlich in den knapp 3 Stunden (inkl. Pause), die John von Düffels Bühnenfassung von Thomas Manns Nobelpreisroman in der Inszenierung von Christoph Roos dauert? Für mein Empfinden viel zu wenig.

Es mag daran liegen, dass ich kein Fan von Thomas Mann, dem Herrn der überlangen Sätze und der bildungsbürgerlich geschraubten Großerzählung, bin. Ich wüsste gerne, wie der gestrige Abend aus Sicht eines Mann-Kenners und -Verehrers aussieht, denn ich habe nicht einmal den zugrundeliegenden Roman gelesen.
Für mich ist John von Düffel auch nach wie vor kein richtiger Dramatiker, da mag er so viele hochliterarische Prosastoffe für die Bühne bearbeiten, wie er Aufträge bekommt. Überdies wird in Essen ein Grundproblem dramatisierter Prosa deutlich: Es entstehen viel zu wenig Szenen; viel zu häufig sondern Schauspieler hübsch gedrechselte Monologe ab. Das ist nicht deren Schuld, ganz sicher nicht. Denn zwischendrin gelingt es zumindest den drei Geschwistern Buddenbrook – Thomas (Stefan Diekmann), Christian (Jörg Malchow) und Tony (Lisa Jopt) – miteinander in dramatische, bühnentaugliche Beziehungen zu treten. Doch das sind seltene Momente.
Ob es an der Textvorlage, den notwendigen Strichen oder der wie auch immer ausgerichteten Inszenierung von Christoph Roos liegt – die Figuren bleiben blass, unklar, sie sprechen, weil zwei Autoren ihnen Texte schrieben und auch ihr Handeln (so es denn mal dazu kommt) entspringt nicht ihnen selbst oder einer inneren Notwendigkeit, sondern bleibt Erfindung ihrer Schöpfer.
So bleiben nicht nur der steife Konsul (Wolfgang Jaroschka) und seine Frau (Ingrid Domann) statisch, die ganze Inzenierung tritt für mich komplett auf der Stelle. Daran ändert das Dauerdrehen des Bühnenbildes (Peter Scior) nichts, rein gar nichts (außer, dass ich zu Schwindel neigenden Menschen vom Besuch dieser Inszenierung abraten würde). Und so schön zwischendrin einzelne Passagen der Bühnenmusik (Markus Maria Jansen) zu diesem übergroßen Karussel klingen, letztlich bleibt auch das nichts als bedeutungsschwangere Untermalung des Kreisens eines Textes um sich selbst.
Ich weiß nicht, wer warum dieses Stück auf den Essener Spielplan setzte oder warum es in allem so entsetzlich abstrakt bleibt. Die Geschichte des Abstiegs der Kaufmannsfamilie Buddenbrook bleibt von der zeitlichen Zuordnung ebenso offen, vage wie hinsichtlich der Frage, was das Ganze seinem heutigen Publikum nun sagen soll. Und dass das Essener Theater auf diesem Wege seinen eigenen Abstieg auf die Bühne bringen und thematisieren möchte, halte ich für höchst unwahrscheinlich.
Dabei wäre das alles doch gar nicht nötig. Die Schauspieler des neuen Ensembles machen auf mich ganz und gar nicht den Eindruck, als seien sie bestenfalls zu zweitklassigen Leistungen in der Lage. Das Publikum scheint nach wie vor willens, sein Theater zu füllen. Bloß weil die Kritikerkarawane weitergezogen ist, muss doch noch lang nicht die künstlerische Qualität leiden.
Vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht muss sich die neue Intendanz nebst Dramaturgie noch selbst (er)finden. Und womöglich sind die Buddenbrooks so wenig für Menschen wie mich gedacht wie Jede Menge Kohle: Während sich letzteres an ein Boulevard-Publikum richtet, zielt die Mann-Inszenierung womöglich auf Bildungs- und Großbürger, die sich in der Geschichte wiedererkennen.
Auch, wenn es schade ist, dass ich mit jeder Inszenierung auf der großen Bühne des Grillos mehr das Gefühl kriege, das ist nicht mehr "mein" Theater, so wäre es dem Essener Schauspiel doch zu wünschen, dass es dann eben ein anderes Publikum gibt, das es als "sein Haus" begreift.

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