Taschenspielertricks

Ich wollte es gar nicht glauben, als man mir erzählte, in der Essener Premiere von Corpus Delicti seien manche Zuschauer bereits in der Pause gegangen – aus Versehen, weil sie dachten, das Stück sei zuende, und nicht etwa aus Protest. Nun habe ich es endlich selbst gesehen und frage mich, ob das nicht das Beste ist, was man mit diesem Stück tun kann …

… denn der zweite Teil nach der Pause, das ist vorhersehbare Untergangsdramaturgie, das bringt überhaupt nichts Neues und niemanden weiter. Nein, das ist theaterpädagogische Zeigefingerarbeit, das braucht es wirklich nicht. Insofern hat, wer in der Pause geht, immerhin den Vorteil, dass er sich wenigstens etwas Vieldeutigkeit erhält.
Allerdings kommt man so oder so nicht um die Grundsatzfrage herum, ob es diesen Stoff braucht und er unbedingt auf die Bühne muss. Und um das zu beantworten, muss ich ein bisschen weiter ausholen …
Das Bühnenbild (Conni Brückner & Petra Schlüter-Wilke) mit seinem erstaunlich wandlungsfähigen "Urwald im Aquarium" eröffnet jede Menge Spielmöglichkeiten. Die Kostüme (Connie Brückner) passen zur Gesundheitsdiktatur, zur biederen Tyrannei, um die es in Juli Zehs Roman geht (oder doch gehen soll). Und den meisten Schauspielern sieht man mit großem Genuss bei ihrer Arbeit zu. Allen voran Silvia Weiskopf, die als gelegentlich multipel anmutende "ideale Geliebte" ideale Figur macht. Aber auch Hauptdarstellerin Bettina Schmidt ist eine hervorragende Besetzung für Mia, ebenso wie man Floriane Kleinpaß sowohl die Vortunerin als auch die Richterin jederzeit glaubt. Vergessen wir also, dass Rezo Tschchikwischwili  und, schlimmer noch, weil als Anwalt Rosentreter in der größeren Rolle besetzt, Holger Kunkel in ihren Rollen doch etwas arg dem Klamauk zuneigen.
All das ist weder das Problem noch dessen Lösung.
Denn das Problem liegt für mich im Stoff begraben. Ein Text, der sich als philosophisch-politische Verlängerung des realen Gesundheits"wahns" in die literarische Überspitzung verkauft, in dem es um einen "Gesundheitsdiktatur" geht, der sollte auch aus diesen Themen seine Dramaturgie entfalten. Doch genau das passiert nicht. Die Dramatik der Geschichte liegt eben nicht in der  "Gesundheitsdiktatur", sondern in einem Geschwisterdrama. Und deren tragischer Plotpoint besteht in einem DNA-Taschenspielertrick – Moritz (Jens Ochslast), Mias Bruder, der vermeintlich einwandfrei per DNA als Mörder entlarvt wurde und sich später mit Hilfe seiner Schwester im Gefängnis umbrachte, war’s gar nicht. Er hatte als Kind Leukämie und der wahre Täter ist sein Knochemarksspender …
Toll. Da hat Frau Zeh also ihre Recherchehausaufgaben als juristisch ausgebildete Romanautorin gemacht. Blöd nur, dass das nur höchst bedingt ins gehypte Romanthema passt – und eben das Ende des Ganzen so grauenhaft pädagogisch, so langweilig eindeutig und so eintönig katatstrophal daherkommt.
Tja. Normalerweise scheitere ich an Juli Zehs Prosa, weil ihr ständig ihre ach-so-kreativen und oh-so-originellen Metaphern konsequent daneben gehen — und das leider ohne das sich der Eindruck aufdrängt, das wäre Absicht. Nein, es fehlt der in meinen Augen überschätztesten deutschen Autorin der Gegenwart schlicht an Sprachgefühl. Bei der Umsetzung für die Bühne fällt derlei natürlich weg, was an sich angenehm wäre, wären da nicht all die verfremdenden Kommentare, die nichts tun, als wieder und wieder zu unterstreichen, dies war mal ein Roman, und der wurde nun ach-so-gekonnt für die Bühne umgesetzt. Und diese Art von Selbstbespiegelung, also, die hat auch kaum mehr echte Qualität als der Taschenspielertrick mit der Dramaturgie.
Nun ja. Ich hab’s also versucht, mit Zeh wie mit Wagner. Und ich fürchte, wirklich warm werd ich mit keinem der beiden. Deshalb kann ich an der Stelle auch keine echte Empfehlung geben, falls das hier wer liest, der überlegt, sich Corpus Delicti in der Inszenierung von  Florian von Hoermann anzuschauen. Außer vielleicht der: Schauen Sie sich doch einfach bloß den ersten Teil an. Womöglich muss man auf die Art die Taschenspielereien der Autorin austricksen?

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