Balkon der toten Helden

Der Ritt der Walküre dürfte eines der meist (an)gespielten, manche sagen: abgenutztesten, Musikstücke der westlichen Welt sein. Doch auch allzu bekanntes kann man aus neuer Perspektive hören und sehen – wie ich letzte Woche im dritten Balkon des Aalto-Theaters in Essen zusammen mit einer handvoll toter Helden erlebte.

Wie, werden Sie jetzt vielleicht sagen, das Aalto hat einen dritten Balkon? Und müffelt das nicht, wenn man mit Leichen ins Theater geht?
Aber der Reihe nach.
Im Mai scheiterte ja mein erster Versuch, mir Richard Wagners Walküre zu Gemüte zu führen. Gelobte Hilstorf-Inszenierung hin, tolle Wagnerstimmen her (wie mir meine wagnerliebende Begleitung versicherte), ich hätte vielleicht die ungeheure Langeweile noch einen Akt als Zen-Meditation überstanden, doch meine Begleitung ertrug den Theaternebel nicht. Was mir nicht unrecht war – schade war halt nur, dass ich so das verpasste, was mich am meisten an dem Experiment gereizt hätte, eben der Ritt der Walküre.
Nun habe ich das und nur das nachgeholt.
Denn der dritte Balkon im Aalto, das ist kein Ort für Jedermann. Dieser Balkon ist streng genommen keiner, sondern eine nichtöffentliche Arbeitsgalerie. Manchmal tritt von dort oben der Chor auf, dann wieder benutzt die Beleuchtung oder auch die Technik diese Arbeitsgalerie. Meist aber sitzen oder stehen hier oben Menschen, die irgendwie zum Theater, meist wohl zu der laufenden Inszenierung gehören, und sich diese eine Arie, jenen Pas de deux oder einfach nur die Ouvertüre zu Gemüte führen wollen.

Tja. Und letzten Donnerstag hatte ich die Chance, zur zweiten Pause der Walküre ins Aalto zu kommen, mich nach oben zum Balkon geleiten zu lassen und mir dort oben so viel oder so wenig vom dritten Akt der Oper anzuschauen, wie ich wollte. Das gehört zu den unschlagbaren Vorteilen dieses Ortes – man kann kommen und gehen, ohne zu stören.
Ich saß also dort oben. Anfangs war ich allein mit meinem Buch. Dann war die Pause zuende und der Vorhang bzw. der Eiserne hob sich. Voilá, da war er, der Ritt der Walküre, live, in voller Länge, aber ohne Hubschrauber.
Spannend. Denn ob Apocalypse Now! oder Werbefilmchen für dieses oder jenes, für gewöhnlich wird ja immer und immer wieder nur ein bestimmter Teil dieses Stücks gespielt. Und so war es für mich überraschend, dass dies eben kein rein instrumentelles Etwas, eine Art weitere Ouvertüre ist, sondern nach einer Weile die Walküren tatsächlich einstimmen in die Musik. Was überdies erstaunlich stimmig war.
Hilstorfs tote Helden, die die Walküren nach Walhall führen, waren bleiche Jünglinge in ausgestellten Reithosen mit Hosenträgern – das hatte was von SS-Offiziersanwärtern und passte recht gut ins Bild. Aber ich war zu meiner eigenen Überraschung sehr viel näher an der Musik dran, als ich nach dem ersten Akt erwartet hätte. Das Libretto ist auch im dritten Akt Schrott, und dazu trieft dort Heldenpathos pur, aber dennoch, es war nicht mehr nur öd und langweilig, sondern hatte Dynamik, eine eigene Spannung.
Ich blieb also länger, als der Ritt dauerte. Lang genug, dass plötzlich eigenartige Gestalten neben mir auf dem Balkon auftauchten. Freundlich grüßten mich die tote Helden, bleich lächelnd, mit Kopfwunden, aufgerissener Brust, etc. kamen sie auf den Balkon, um dem Fortgang der Oper zu lauschen.
Absurd. Und wunderbar. Ich wäre wahrscheinlich sogar bis zum Ende geblieben, aber ich hatte keine Lust auf die letzte U-Bahn. Und, ehrlich gesagt, auch keinen großen Spaß an Wotan. Schade eigentlich – nach der geballten Stimmgewalt "seiner" Walküren hätte ich angesichts seines Stimmchen am liebsten ausgerufen "Ein Mikro, so gebt dem Mann doch ein Mikro!"
Tja. Was blieb, als sich freundlich bei "meinen" toten Helden zu verabschieden und unbemerkt den Rückzug anzutreten …
So könnte ich mir vorstellen, mich mehr Opern anzunähern.
Und erwähnte ich schon, dass genau das für mich wahrer Luxus ist – eben das, was mit Geld nicht zu kaufen ist?

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