Lückenhaftes

Lückenhaft ist nicht nur dieses mein armes Blogg. Lückenhaft ist gelegentlich auch meine Erinnerung. Zum Beispiel an Thomas Manns Der Tod in Venedig – das ich meiner Mann-Abneigung zum Trotz kennen müsste, denn es war Thema eines Uniseminars zur Literaturverfilmung und ich erinner mich deutlich, dass ich beim Blick in die englischsprachige Ausgabe einer britischen Kommilitonin dachte „Heureka, sollte ich nochmal Mann lesen müssen, dann tu ich’s in Englisch, das ist erträglicher!“ Aber Sprachfragen hin, Zeit (online) her: Warum erinner ich mich nicht an den Inhalt?!

Tja. Womöglich hat mich das ZEIT Magazin oder vielmehr Thomas Ostermeier auf die Spur gebracht: „Man muss sich das vorstellen: Die Deutschen verehren einen Dichter, vielleicht wie keinen sonst, der sich traumhaft in die körperliche Liebe mit einem Knaben denkt. Und darf man fragen, ob ein solcher Dichter diese Verehrung verdient, ob so jemand verehrt werden darf?“, so Obermeier über Manns Novelle, die er gerade in Vendig iszenierte. „Oder muss man Thomas Mann dafür bewundern, was er mit diesem Text riskiert hat, über alle Extreme hinaus?“
Was immer er für seine Inszenierung, in der er sich die Pädophilie als Todsünde aussuchte, denn um Todsünden geht es bei diesem internationalen Theaterpojekt, daraus machte – für mich waren diese Sätze ein Stein, der in den tiefen Schacht einer meiner Erinnerungslücke fiel: Erinner ich mich weder an den Inhalt von Manns Novelle noch an eine einzige Szene aus Viscontis Verfilmung (da ist nur der vage Rest einer Ahnung eines Straßencafés und eines Mannes im weißen Anzug), weil all das gleich wegdissoziiert wurde – um andere, viel privatere, verletzendere Erinnerungen gleich mitzuverhindern?
Wär ja nicht das erste Mal, das mir die Dissoziation in sowas reinpfuscht. Bliebe die Frage, ist die Novelle schlicht schwülstiges Vorstellungsgeschwurbel ohne nennenswerte oder gar sexuelle Handlung (was zumindest bislang meine Vermutung oder eben Nicht/Resterinnerung war) oder passiert darin tatsächlich etwas, was des Verdrängens bzw. eben des Dissoziierens wert gewesen wäre? Und wie sieht es mit dem Film aus? Gelegentlich bedeutet das Fehlen von Erinnerung ja auch, dass man vergisst, was viel zu langweilig, matt, überflüssig war.
Sehr eigenartig. Aber vielleicht endlich mal ein Anfang, um die Lückenhaftigkeit des armen  Bloggs zu beenden …

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