Sprachgewaltig und bildmächtig

Eigentlich bin ich kein Freund von Prosa-auf-die-Bühne-Adaptionen. Und bei Kleist, dessen Prosa etwas geradezu manisches hat und eine so eigene Kraft, die in vielem den Stream of Consciousness der Literatur des 20. Jahrhunderts vorwegzunehmen scheint, also bei Kleists Prosa erschien mir das bislang auch kaum machbar. Gestern hab ich mir dann endlich Michael Kohlhaas inszeniert von Christoph Roos für die Casa des Grillo-Theaters in Essen angeschaut und kann nur sagen: So kann man sich täuschen. Diese Dramatisierung kann sich nämlich wirklich sehen lassen.

Die Geschichte von dem Rosshändler, dem durch einen Junker Unrecht geschieht und der dann an der Suche nach Recht so verzweifelt, bis er zum Racheengel und Rebell wird, in einer guten Stunde mit sechs Schauspielern auf die Bühne zu bringen, das muss man erstmal hinkriegen.
Und es klappt wunderbar. Jörg Malchow als Kohlhaas, von dem ich bislang gar nicht wusste, was für eine herausragende Stimme er hat, spricht Kleists Texte, als entsprängen sie soeben seinem eigenen Geist. Lisa Jopt überzeugt sowohl als Lisbeth, Kohlhaas‘ Frau und erstes Todesopfer des Rechtsstreits wie auch als Mitaufrührerin. Andreas Maier wechselt die aalglatten Rollen vom Junker über die diversen Richter so gekonnt, dass es eine Freude ist, ihm zuzuschauen. Und Floriane Kleinpaß unter anderem als Frau Doktor Luther zu sehen, ist ebenfalls ein Genuss. Selbst Holger Kunkel, an dessen Spielweise ich mich immer wieder sonst stoße, passt hervorragend ins Ganze und Jens Ochlast als Knecht Hersen hat unerwartet berührende Momente.
Schwer zu sagen, was mehr beeindruckt – die Inszenierung, die Kleists Text so gekonnt zu kürzen und doch sprachgewaltig auf die bildermächtige Bühne (so karg wie passend wie wandlungsfähig gestaltet von Peter Scior) zu bringen versteht, eben das Ganze mitsamt der beachtlichen Ensembleleistung oder all die einzelnen, besonderen Momente darin. Und kaum zu glauben, dass all das in 75 Minuten über die Bühne und gleich unter die Haut ging.
Wenngleich Kleists Kohlhaas am Ende eine monströse Figur sein mag – so Recht er hat, so sehr ihm Unrecht geschah (und wir hier über Vetternwirtschaft und Korruption als Hintergrund desselben reden), so wenig Recht tut er daran, dafür eine ganze Stadt wieder und wieder niederzubrennen – die Frage nach der Gerechtigkeit unter den Menschen bleibt offen und ganz sicher nicht abschließend beantwortet. Eben eine Art Dauerstachel im Gedankenfleisch – und darauf (wieder) gestoßen zu werden, das seh ich als einen der vielen Verdienste dieser Inszenierung.

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