Historiengemälde

Mit den meisten historischen Romanen kann ich wenig bis nichts anfangen, handelt es sich doch heutzutage dabei um wahlweise schlicht rückversetzte Melodramen, Liebes- oder Abenteuerromane oder um eher fantasielose Fantasygeschichten. An sich kann ich auf so ziemlich jedes Werk dieses Genres verzichten, es sei denn, es stammt von Rebecca Gablé (dann habe ich bloß blöderweise die nächsten Wochen keine Zeit für gar nichts anderes mehr ;-)). John Vermeulens Die Elster auf dem Galgen habe ich dennoch erstaunlich gern gelesen.

Vermutlich liegt’s am Untertitel, denn es ist in der Tat "ein Roman aus der Zeit Pieter Bruegels" und den find ich als Maler fast so spannend wie Hieronymous Bosch. Da wenig Fakten über sein Leben bekannt sind, liegt es nahe, sich ihm mithilfe literarischer Fiktion zu nähern und ich denke, das ist John Vermeulen gelungen.
Für mich jedenfalls entsteht ein größeres Historiengemälde, das auch Schillers Don Carlos und andere, literarische wie kunst-, kultur- und religionshistorische Ereignisse sehr gut einbindet.
Bloß mit den Nebenfiguren hat der Autor ein Problem – Dinus Bruegel, den (Halb)Bruder des Malers, schlicht als von Eifersucht zerfressenen, übereifrigen & obrigkeitshörigen Katholiken & Verräter zu zeichnen, das hat so viel Eleganz wie der Versuch, mit einem Straßenbesen eine Miniatur zu malen. Außerdem überschätzt er sowohl die Bedeutung des Plots als auch seine Fähigkeiten beim Bau eines spannenden und überraschenden solchen – ich hätte die "verborgene" Vater-Sohn-Kriegsgeschichte zwischen Pieter und Granvelle in der Breite wahrlich nicht gebraucht, und ich glaube auch nicht, dass irgendein halbwegs intelligenter Mansch so lang wie Pieter braucht, um zu begreifen, der Kirchenfürst ist sein leiblicher Vater … hätte Vermeulen hier weniger auf vermeintliche Überraschungs- und Spannungseffekte gesetzt, hätte er das Vater-Sohn-Thema vielschichtiger behandeln können.
Aber, sei’s drum. Das ärgerlichste an dem Buch ist jedoch dem Diogenes-Verlag zu verdanken, denn der kann sich offenbar nicht mal mehr den Leim für die Bindung leisten: Als meine Mutter mir dieses Buch lieh, war es bereits in drei Teile zerbrochen – nach nur zwei Lesern. Oder ist das etwa schon ein neuartig-perfider "Kopierschutz" bei papiernen Werken und mithin ein neue Wendung in der Urheberrechtsdiskussion?! 😉

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