Liebe, Eifersucht und Tod

Es ist schon seltsam: Als Anglistin, Theatermensch und Shakespearefan kenne ich Othello natürlich. Aber so mitreißend, so berührend, so glasklar in Liebe, Wahn und allen anderen Gefühlen wie vorgestern Abend als Ballett im Aalto-Theater habe ich es noch nie gesehen.

Die Bühne ( Dmitrij Simkin)allein ist ein Erlebnis. Üblicherweise sind Ballettbühnen tendenziell schlicht bis statisch – diese hier ist dynamisch, wandelbar bis gewaltig. Brücken und Gebäude erheben sich und versinken wieder, Wände, die zugleich an die Segel von Schiffen erinnern, schweben herum und ermöglichen ‚geheimnisvolle Auftritte‘. Die Musik ist weitgehend modern, und an manchen Punkten ist ihre Rhythmik recht weit von der des Tanzes entfernt — was mich an Niinskys Credo, der Tanz müsse sich von der Vorherrschaft der Musik befreien, denken ließ, befremdete den Musiker neben mir nicht wenig. Dennoch war aber auch er wohl weitgehend gebannt von dem, was er dort auf der Bühne zu sehen bekam.

Einen Othello mit schwarzer Schminke zum „Bühnenschwarzen“ zu machen, das ist ja netterweise schon länger out. Doch dieser Tänzer zeigt mir in dieser Choreographie (Denis Untila und Michelle Yamamoto) zum ersten Mal überdeutlich, was bei Shakespeare für mich bislang stets nur zu ahnen war: Es geht weder um Hautfarben noch um Ethnien, es geht um „das andere“. Dieser Othello (Armen Hakobyan) ist anders als die anderen, das lässt sich nicht übersehen. Zugleich ist Desdemona, eine der anderen, gewissermaßen, unbedingt für ihn geschaffen. Mehr noch: Ob Jago auf Othello oder vielmehr auf Desdemona (Yulia Tsoi) eifersüchtig ist, fragt man sich, denn die Männer sind sich seltsam nah, aber bei weitem nicht so nah wie das Liebespaar.

Mitreißend, wie Jago (Breno Bittencourt) Othello in den Eifersuchtswahn treibt. Und ungemein berührend, wie das Liebespaar seinen letzten gemeinsamen Tanz bestreitet – sie gehören zusammen, sie können voneinander nicht lassen, sie ahnt, dass etwas nicht stimmt, er weiß, dass er ohne sie nicht sein kann – und doch endet es, in tragischer Zwangsläufigkeit, damit, dass er sie ermordet und sich damit letztlich selbst ums Leben bringt.

Was tut es, dass ich nicht ganz verstehe, was Jago nach dem Mord bei Desdemona will (war sie nicht tot, tötet er sie erst?) und dass manche Massenszene hübsch anzusehen ist, für mich aber nicht im Sinne der Handlung verständlich wird. All das ist unwichtig. Wichtig ist die Klarheit der Emotionen und die unglaubliche Schönheit dieses tragischen Stück Tanztheaters. Das muss ich mir unbedingt noch einmal ansehen!

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Eine Antwort zu Liebe, Eifersucht und Tod

  1. Anke Ernst schreibt:

    herzlichen dank für den hinweis, liebe kollegin!

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