Ophelia, Hamlet & der Rhein

Das sind die drei Haupt“figuren“ meines ersten Buches Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, das 2004 erschien und 2005 in der Sparte Debüt beim Friedrich-GlauserPreis nominiert wurde, nachdem es 2001 bereits den Martha-Saalfeld-Preis bekommen hatte. Wobei natürlich „meine“ Ophelia nicht ganz die von Shakespeare ist … und falls Sie die Kriminalnovelle noch nicht kennen, können Sie hier nun den Anfang nachlesen:

Der Tod ist ein langer, trüber Fluss

von Mischa Bach

Ophelia

Ich liebe den Fluss. Vater Rhein nennen ihn manche, und die Touristen sind ganz verliebt in seine Schiffe und seine Ufer, seine Weinbaugebiete und seine Burgen. Aber das ist es nicht. Ich liebe den Fluss wegen der Ge­schichten, die er zu mir bringt, selbst, wenn die meisten davon al­les andere als schön sind. Ophelia nennen mich meine Kollegen, denn es sind die Ge­schichten seiner Toten.

Bald werde ich nicht mehr den leisen Stimmen lauschen können, die sich zu Erzählungen jenseits der weiß-grün-stahlfarbenen, sauberen Welt der Gerichts­medizin verweben. Ich hatte in der Zeitung gelesen, die Regierung wolle unser Institut wie auch einige andere schließen. Zu teuer hieß es offi­ziell, aber ich denke, niemand will die Geschichten der Toten hören. Und ich, die ich vor über einem Jahr im Fluss meine eigene Geschichte verloren hatte, ich wäre dann noch einsamer in der eigenartigen Schwärze, dem Nichts meines Gedächt­nisses. Zugleich schien es passend, nach der Schlie­ßung nicht mehr zu wissen, was aus mir wird. Denn nicht zu wissen, was gewesen war, meine Amnesie, war für mich ein zwei­tes Zuhause gewor­den. Das war gut so, auch wenn es weder Polizei noch Ärzte begriffen: Man hatte mich aus dem Fluss gezogen, ein Selbstmordver­such hieß es. Dafür hatte es sicher gute Gründe gegeben – es war also folgerichtig, sich nicht zu erinnern. Die Frau, die es mal gegeben haben musste, die Frau oh­ne Namen, die in keinem Ver­misstenregister auftauchte, die Frau, die ster­ben wollte, war tatsächlich tot. An ihrer Stelle gab es mich, Ophelia, die son­derbare Helferin in der Bon­ner Ge­richtsmedizin, Ophelia, die Schwei­gende, die die Stimmen der Toten hört, die der Fluss ihr bringt. Oder sie doch bis jetzt ge­hört hatte …

Plötzlich hört das Schaukeln auf. Kein wiegendes Wasser mehr, und das Wir­beln der Schiffsschrauben wird zu rhythmischem Scheuern auf einer Kies­bank. Dann, nach einer unbestimmten, unbestimmbaren Weile wieder­um Be­wegung, Geräusche, wirr, verwirrend, ich bin dem Fluss entrissen!

Ich war allein im In­stitut, als sie ihn mir brachten; ich bin immer die erste, die kommt, und die letzte, die geht. Der junge Mann konnte nicht lange im Wasser gelegen haben, sein Körper war noch nicht bis an seine Grenzen aufgequollen. Im Gegenteil, er sah aus, als wäre er eben erst in der Bade­wanne eingeschlafen.

Ich füllte die Papiere für die Überstellung aus – alle Flussleichen kom­men hierher. Schließlich er­leiden die wenigsten einen Herzinfarkt oder derglei­chen, während sie am Ufer stehen, und fallen danach unbemerkt und ohne dass sie jemand vermisst ins Wasser. Eine natürliche Todesursache ist da selten, und selbst bei Unfällen und Selbsttötungen gibt es zu viele of­fene Fra­gen. Ich informierte die diensthabende Gerichtsmedizinerin über unse­ren mor­gendlichen Gast, dann setzte ich mich zu ihm und betrachtete ihn lange.

Der Fluss hatte ihn sich früh geholt, er war vielleicht Mitte zwanzig, das Alter, auf das sie mich schätzten. Seine feuchte Haut war blass, schon bei­nahe bleich. Er hatte schwarzes, kurzes Haar mit ein paar langen, blau­en Strähnen, die ihm im Gesicht klebten. Vorsich­tig schob ich sie beiseite und sah seine Augen, die dunkel und warm gewesen sein mussten. Jetzt hatten sie den eigenartig wis­senden Ausdruck derjeni­gen, die ihren Tod in aller Klarheit gesehen ha­ben. Sein Lächeln dagegen war kaum als solches zu er­kennen. Jedenfalls war es kein Lächeln, das ich je auf dem Gesicht eines Lebenden gesehen hatte. Manchmal sah ich dieses seltsam-wissende Lä­cheln, wenn mich mein Spiegelbild im Vorüberge­hen in einer der blank ge­putzten Flächen des Instituts erwischte. Manchmal sahen es auch die Kol­legen, sie zuckten dann zurück und versuchten, das Schaudern mit einem Witz abzutun:

»Vielleicht hättest Du Dich lieber Mona Lisa nennen sollen«, sagten sie dann manchmal, und ich wusste nie, ließ das Erschrecken sie jedes Mal vergessen, dass sie diesen Satz und den folgenden bereits wiederholt geäu­ßert hatten? Denn wie die Flut auf die Ebbe, so folgte unweigerlich der Zu­satz:

»La Gioconda, die ihr eigenes Geheimnis vergessen hat, das wär doch was!«

Damit stellten sie, zumeist lachend, für sich den Normalzustand der Dinge wieder her. Ich lachte meist höflich mit und schüttelte innerlich doch den Kopf. Es waren die Brüche, Momente wie diese, die mir klar machten, wenn ich schon einen Namen haben musste, dann Ophelia – Ophelia, die, zurückgewiesen von Hamlet, isoliert durch seinen Wahn, den Tod im Was­ser sucht und findet. Mich hatte der Tod zwar nicht gewollt, dafür war es, als hätte mir der Fluss zum Abschied das Totenlächeln geschenkt.

Ich widerstand dem Bedürfnis, das Lächeln auf den feuchten Lippen des unbekannten Toten mit den Fingerspitzen nachzuziehen, mit dem Tastsinn zu erraten, ob der Tod ihn süß erlöst oder bitter aus dem Leben gerissen hatte. Statt dessen berührte ich vorsichtig seine schmale Hand, die aus ei­ner abgetragenen Leder­jacke herausragte. Kleine, bläulich umrandete, rote Punkte am Handge­lenk, zum Teil noch frische Einstiche, zeichneten seine Haut mit einem geheimen, nun für niemanden mehr lesbaren Code.

»Du hast Glück gehabt«, flüsterte ich, »hätten sie Dich an Land gefunden, Dein Besteck nur irgendwo in der Nähe, hätten sie Dich nie­mals zu mir ge­bracht.«

Ist das eine Stimme? Spricht sie mit mir? Nach der wiegenden Geborgen­heit des Flusses ist mein erster Impuls Bewegung, Sehenwollen. Fast schmerzhaft – aber der Schmerz bleibt aus, bleibt nur Erinnerung -, wird mir die Unmöglichkeit der Bewe­gung bewusst.

»Versuch das nicht«, sagt die leise Stimme, »Du kannst nicht zurück in den Körper. Dein Körper ist tot. Aber ich höre Dich, ich fühle Dich. Sei ganz ruhig, hab keine Angst, wenn sie Dich nachher aufschneiden, das kann Dir nichts mehr anhaben. Ich werde –«.

Die Stimme reißt ab, aber ich habe sie gefunden. Sie ist hier.

[…]

aus: Mischa Bach, Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, 1. Auflage Frankfurt 2004.

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