Die erste Stimme

Da ich immer mal wieder gefragt werde, was ich denn schreibe, ich jedoch der Ansicht bin, meine Texte können viel besser für sich selbst sprechen als ich für sie, gibt es heute eine weitere Leseprobe – und zwar den ersten Teil des ersten Kapitels meines zweiten Romans Stimmengewirr, der 2006 bei Leda erschien und überdies der Namensgeber meines Blogs ist … voilà: bach_stimmengewirr

1. Die Flucht

Abschied

Kein Loch ist tief genug, die Vergangenheit zu begraben. Aber jeder Spiegel reicht aus, um Erinnerungen an die Gegenwart zu wecken. Erinne­rungen – kann man das Erinnerungen nennen?

Ich bin – jedenfalls zeigt mir das der Spiegel – eine sehr weiße Frau. Verdammt weiß. Was Heidrun, meine sogenannte Mutter, nicht nur mit einem Naserümpfen quittieren würde: Solch ein Wort aus deinem Kirschmund! Kirschmund, wenn ich das schon höre – und es klingt mir jedes Mal, wenn ich mich im Spiegel erblicke, im Ohr.

Kirschmund, ja, in der Tat, ich habe einen bezaubernden, kleinen Kirschmund. Zugege­ben, mein bevorzugter Lippenstift – knallrot – betont das auch noch. Und dann diese so verdammt weiße Haut – Porzellanhaut, sagt Heidrun voller Stolz, als ob sie die eigenhändig geschaffen hätte. Vielleicht hat sie sogar recht, denn kein Sonnenstudio und kein Strandaufenthalt schafft Abhilfe; nachdem ich das Krebsrot überwunden habe, werde ich sofort wieder elfenbeinweiß. Weiß, zart, durchscheinend. Genau wie meine weißblonden, welligen Haare – andere lassen sich so fär­ben, Kind, höre ich sie sagen, und dir hat Gott sie einfach mitgegeben. Als ob ich dafür dankbar sein müsste. Einzig meine Augen hätte ich mir selbst ausgesucht, zum Glück sind die nicht himmelblau, sondern tiefseegrün.

Es ist keineswegs so, dass mir mein Spiegelbild nicht gefällt. Diese weiße Frau, dieses feingliedrige Porzellanpüppchen, würde mir als Aktporträt über dem Bett oder, um Heidrun zu ärgern, über dem Sofa gefallen. Ich mag mich auch, wenn ich mit mir alleine bin, wenn mich niemand sieht. Aber ich hasse den Beschützerinstinkt der meisten Män­ner ebenso wie den Neid vieler Frauen. Letzterer stört noch nicht mal so sehr – schlimm wird es mit meinen Geschlechtsgenossinnen erst, wenn sie ihren Neid zu kompensieren beginnen: Entwe­der ergibt das die weibliche Variante des ungefragten, ungewollten Macho-Schutzes, eine herablassende, erdrückende Mütterlichkeit, oder meine Bekannten schmücken sich mit mir. Seht her, meine Freundin sieht blendend aus und ist intelligent.

Das ist wirklich eklig – man gesteht mir tatsächlich zu, schön und intelligent zu sein! Nicht sofort, natürlich. Erst erlaubt man mir, kompetent zu sein – in der Tat, ich bin ganz allein in der Lage, mir die geforderten Bücher, Unterlagen, etc. für mein Studium zu besorgen und ich kann sogar einen Computer bedienen. Später bemerkt man dann, dass ich mehr mit den Informationen anfangen kann, als sie auswendig zu lernen. Was in meinem Fach – ich studiere Jura – durchaus ungewöhnlich ist.

Jura – hat eine Weile gedauert, bis Heidrun sich damit anfreunden konnte. „Studiere doch Kunstgeschichte oder Sprachen, Kind, du bist doch so sprachbegabt.“ Wie oft habe ich das gehört. Und obwohl sie es nie offen gesagt hat, bin ich mir sicher: Das Einzige, was sie mit meinen Studienplänen versöhnt hat, war die überproportionale Auswahl an geeigneten Ehemännern für ihre Cäcilia-Josephine.

Aus welchem zweitklassigen Roman der Name stammt, wüsste ich zu gerne. Doch das ist aus der ansonsten so redseligen Heidrun nicht herauszubringen. Weißhaut, Kirschmund, Blond­haar – all das ist nichts gegen diesen Weibchennamen. Er haftet fest an mir, klebt als Etikett „püppchenhaft“ wie ausgespuckter Kaugummi an meinen Hacken.

An meinen hohen Hacken, denn es wird Zeit, auf den Punkt zu kommen. Was die gebrochenen Lichtstrahlen im Spiegel zeigen, ist eine blonde, zerbrechlich aussehende jun­ge Frau in einem weißen Wollkleid, schwarzen Strümpfen und hochhackigen Pumps.

Na, zufrieden? Schließlich ist das die perfekte Maske, das vollkommene Versteck. Hin­ter diesem lieblichen Gesicht, in dieser Kindfrau vermutet mich niemand.

Genauso habe ich den letzten Moment in meiner Wohnung im Revier in Erinnerung: Ich zog meinen schwarzen Wollmantel über, setzte Mikes Borsalino auf – den kann er die nächsten Monate ohnehin nicht brauchen –, nahm meinen alten Koffer und ging. Auf Nimmerwiedersehen. Schließ­lich ließ ich nichts zurück als falsche Eindrücke.

Es war früh am Morgen, die Straßen waren noch leer. Ein grauer Morgen, die Zeit, wo der Tag noch nicht erwacht, die Nacht aber schon vorüber ist. Seltsame Zeit, seltsame At­mosphäre – irgendwie melancholisch. Genau die richtige Zeit, um an einem Bahnhof Abschied zu nehmen von einer bedeutungslosen Stadt und einem Leben, das unwesentlich ist. Nein, keine Angst, ich ging nicht zum Bahnhof, um mich vor einen Zug zu werfen. Ich bin keiner von diesen toten Erzählern, ich bin verdammt lebendig.

Es gab zunächst zwei Gründe, warum ich ausgerechnet um diese Zeit meine Flucht aus dem Ruhrgebiet antrat: Zum einen war das die einzig todsichere Möglichkeit, Heidruns Ich-wollte-Dir-nur-mal-Guten-Morgen-sagen-Anrufen zu entkommen, und zum anderen bin ich im Grunde meines Herzens sentimental. Wie alle Zyniker; wir können uns nicht damit abfinden, dass die Dinge nicht so sind, wie sie uns einstmals schienen. Wir sind die wirklich Sentimentalen, bloß, dass wir diese doppelte Lüge nicht ertragen können. Es tat mir richtig gut, an jenem grauen Mor­gen auf dem Bahnsteig meinen Zug zu erwarten, tief in hausgemachter Melancholie zu versinken und dabei gänzlich unbeobachtet zu sein. Ist wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches, Abschiede färben das Alte stets ungemein schön, egal, wie fad und falsch es auch war.

In der Manteltasche befand sich neben dem Bahnticket noch diese interessante Zei­tungsannonce: „Renommierte Detektei sucht freie Mitarbeiter für diskrete Observation und Ermitt­lung.“ Wobei das Kleingedruckte betreffs Vorkenntnissen mir entgegenkam, denn, wie gesagt, ich studiere Jura und sollte mich jetzt eigentlich auf mein Staatsexamen vorbereiten.

Statt dessen stieg ich in den Zug, einen letzten Blick auf den Bahnsteig und die schlaftrunkene Stadt sorgfältig vermeidend. Ich hatte Glück und fand ein leeres Abteil. Wenn ich auch meinen Koffer alleine auf die Ablage wuchten musste, konnte ich so wenigstens unbelä­stigt meinen Gedanken nachhängen. Schließ­lich hatte ich einiges zu bedenken … doch dazu kam es nicht, weil ich Spätaufsteherin sanft entschlummerte. Als ich wieder hochschreckte, blieb kaum Zeit mich zu orientieren – ich war tatsächlich in den Zug gestiegen, war wirklich auf dem Weg zu dieser Detektei.

In diesem Moment kündigte die bemerkenswert desin­teressierte Stimme des Zugführers die bevorstehende Einfahrt in meinen Zielbahnhof Münster an und ich brach in Panik aus. So bin ich leider: Ich könnte ohne mit der Wimper zu zucken eine Bank überfallen, wenn mir aber auffällt, dass das Kleid, das ich anziehen will, in der Wäsche ist, kann mich das für einen halben Tag völlig aus dem Konzept bringen.

Gott sei Dank gelang es mir an diesem Vormittag, Panik und Hektik in Grenzen zu hal­ten und den Zug am richtigen Bahnhof mit meinem kompletten Gepäck zu verlassen. Ich schleifte meinen Koffer zur Damentoilette eines Cafés im Bahnhofsgebäude, wo er sich als ebenso un­handlich wie überflüssig erwies. Meine Kleidung war trotz des kleinen Schlummers im unbequemen und vermutlich nicht ganz sauberen Zugabteil tiptop. So kramte ich nur Lip­penstift und andere Utensilien zur Maskierung meines wahren Wesens und meiner Unsi­cherheit aus der Handtasche. Ich bin überzeugt, dass man sich bis zu einem gewissen Grad Furcht weg- und Selbstbewusstsein herbeischminken kann; bei mir jedenfalls wirkt das sehr gut. Professionelle Schauspieler machen ihre Sprachübungen vor der Vorstellung, schnei­den Fratzen im Garderobenspiegel oder versetzen sich mit einer anderen, ganz privaten Methode in Stimmung für das, was anschließend auf der öffentlichen Bühne geschieht. Ich male mich halt an bzw. übermale mich. Als ich fertig war und mein Werk im Spiegel begutachtet hatte, machten mir die Blicke der Kellner im Café nichts mehr aus. Ich schwebte auf Wolken aus Selbstbewusstsein zur Theke und fragte nach dem Telefon, um in der Detektei anzurufen. Obwohl man mir dort versicherte, es gäbe bereits eine große Zahl von Bewerbern, gelang es mir, einen Vorstellungstermin für den nächsten Tag zu bekommen. Danach rief ich die Maklerin an, deren Nummer mir Jo notiert hatte, und vereinbarte schließlich für den Nachmittag einen Termin bei dem Friseur, den mir die Frau hinter der Theke empfahl.

Jetzt war Zeit fürs Frühstück – und um das in einem Café genießen zu können, brauche ich jede Menge Selbstbewusstsein. Es ist immer dasselbe: Beim Betreten eines Ca­fés schauen sich die Leute erst einmal um – wo ist ein freier Tisch, in wessen Nähe möchte man sit­zen. Bei mir verharrt der schweifende Blick länger als nötig, die Bewegung gerät ins Stoc­ken. Die meisten Männer versuchen zwei, drei unsichere Schritte in meine Richtung, dann wenden sie sich hastig, oft ungeschickt einem entfernteren Tisch zu. Ich kann stundenlang in einem Café sitzen, doch solange nicht alle anderen Plätze besetzt sind, bleiben die Tische um mich herum leer. Diese unsichtbare Grenze kann nur der Zwang oder eine gehörige Menge Alkohol niederreißen. Es sei denn … nun ja, das sind die Momente, in denen ich Mike am schmerz­lichsten vermisse. Mit ihm war meine Aura der schönen Einsamkeit bloß noch ein Witz – „Bei dir hängen den Verehrern die Trauben eben zu hoch“, lachte er über meine Klagen. Bis ich schließlich mit ihm über den verrückten Rest der Welt lachen musste.

Aber das war Vergangenheit, jetzt hatte ich eine Menge zu erledigen. Also verließ ich das Café. Ich verstaute, den Dreck im Bahnhofsgebäude ignorierend, meinen Koffer in einem Schließfach und machte mich auf den Weg.

Leider konnte in Münster keine Rede mehr von einem noch verschlafenen Tag sein. Die Straßen waren mit Autos, Bussen und vor allem Radfahrern verstopft, und auf den Gehwegen, in den Geschäften, drängelten sich die Passanten aneinander vorbei. Motorenlärm, Auspuffgestank und diverse Gerüche aus Cafés, Restaurants, Schlachtereien, Bäckereien. In solchen Momenten kann ich nicht verstehen, warum so viele Menschen auf das pulsierende Leben der Großstadt schwören. Abends, nachts – okay, da ist hier wenigstens was los, falls man genügend Glück und Ortskenntnis besitzt, die richtigen Plätze zur richtigen Zeit zu finden. Aber tagsüber?

Egal, da musste ich nun durch. Zurück konnte ich nicht mehr, in spätestens zwei, drei Stunden würde Professor M. zu sich kommen. Der Schlag auf den Hinterkopf dürfte keine bleiben­den Schäden hinterlassen und beim Einflößen der Schlaftabletten hatte ich peinlich genau auf die Dosierung geachtet. Seine Kopfschmerzen würde ich nicht haben wollen, doch dafür hatte ich sein Bargeld. Dass Professoren, die Vorträge halten und Semina­re in großen Wirtschaftsunternehmen geben, gut verdienen, war mir klar gewesen. Dass aber ein Experte für Wirtschafts- und Bankenrecht über 30 000 Euro in bar in der schlechten Kopie einer griechischen Vase aufbewahrt, darauf wäre ich nie gekommen. Jedenfalls nicht, wenn er mich, wie verabredet, nach der Fachbereichsfeier in seinem Haus heimgefahren hätte. So aber kam es, wie es kommen musste: Die Koryphäe sah in mir nur noch Schneeweißchen mit dem Kir­schmund, aus dem ein „Nein“ nur „Ja“ bedeuten konnte. Was blieb anderes übrig, als den nächstbesten Gegenstand in Reichweite zu greifen und ihm über den Schädel zu ziehen? Und was konnte ich dafür, dass er darin sein Geld – woher auch immer es stammen mag –, versteckte, so dass das dumpf-dümmliche Zusammensacken des Professors vom fröhlichen Flattern der Geldscheine begleitet wurde?

[…]

aus: Mischa Bach, Stimmengewirr, Leda 2006.

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