Ich-Sein

„Was ist das Ich, das hier denkt?“ Das ist einer der ersten Gedanken, an die ich mich erinnere. „Warum bin ich hier, in diesem Körper, diesem Leben und nicht etwa in dem des Mädchens dort hinten?“ So ging die Frage weiter. Wenn ich mich recht erinnere, war ich damals ca. 4 Jahre alt und mit meiner Mutter in einem Bus unterwegs. Seit dem stoße ich immer wieder auf diese und verwandte Fragen und auf die Grenzen des Ich-Seins.

Wobei es womöglich treffender wäre, vom Sein im Spannungsfeld zwischen Ich und Nicht-Ich (in der multiplen Variante käme schlicht eine Ebene hinzu, nämlich Wir/Nicht-Wir als ‚Außengrenze‘) zu sprechen: Einerseits ist es alltäglich, banal, ja, scheinbar unvermeidbar, dass ich ich und eben kein anderer bin und dass mein Bewusstsein, meine Selbstwahrnehmung Grenzen hat. Andererseits fühlt sich das zumindest für mich ausgesprochen willkürlich – könnte ich nicht auch eine andere sein? Wie viel oder wie wenig bräuchte es/hätte es gebraucht, eine andere zu werden? – woraus als nächstes die Frage folgt: Muss ich ich bleiben bzw. muss mein Erleben auf mein Ich beschränkt bleiben oder lassen sich die Grenzen transzendieren?

Wenn ich beobachte – seien es Wolkenformationen am Himmel, Bewegungsmuster von Marienkäferlarven (die sind auf unserem Balkon gerade höchst aktiv) oder irgendein anderer, beliebiger Gegenstand – dann vertieft sich die Wahrnehmung immer weiter und weiter. Und bleibe ich lange genug ungestört dabei, kann die immer feiner verästelte Wahrnehmung mein ganzes Bewusstsein soweit erfüllen, dass ich dahinter zurücktrete, ich mit dem Beobachten verschmelze. Für einen Moment hören die Grenzen des Ichs also zumindest in der subjektiven Wahrnehmung auf zu existieren.

Ich weiß nicht, ob das eine Illusion ist oder echte, wenngleich temporäre Transzendenz. Aber seit ich mir meines Ich bewusst wurde, gibt es immer wieder diese Momente, wo ich mich an den Grenzen des Ichs wundstoße, wo ich nichts lieber täte, als mein Ich ein für allemal abzulegen, hinter mir zu lassen wie ein altes Gewand. Dabei kann ich nicht einmal sicher sagen, geht es mir dann um die Aufhebung des Getrenntseins von der Welt oder will ich bloß mir selbst und meiner ganz persönlichen Einengung entkommen? Und ist das einfach einer meiner höchst eigenen, verrückten Gedanken oder leiden andere Menschen auch gelegentlich genau an dem, was sie selbst doch ausmacht: ihr Ich-Sein?

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2 Antworten zu Ich-Sein

  1. Britt schreibt:

    Dieses begrenzte Ich-Gefühl ist doch nichts als eine Frage der Wahrnehmung. Und diese temporäre Transzendenz, wie du es nennst, womöglich eine kleine Vorschau, auf das was uns erwartet, wenn wir die Grenzen irgendwann durchbrechen, vielleicht wenn wir unseren Körper ablegen, vielleicht später. Denn „alles ist mit allem verbunden“, meint Hildegard von Bingen …
    und Britt, die seltsamerweise als Kind ähnliche Gedanken hatte wie du oben beschreibst. 🙂

  2. mischabach schreibt:

    Danke fürs Kommentieren 🙂 Obwohl ich zutiefst davon überzeugt bin, dass (nahezu) alle Menschen diese Gedanken früeher oder später wenigstens streifen, hatte ich mich schon gefragt, ob das alle außer mir sofort vergessen, verdrängen, als überflüssig wegmachen o.ä.

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