Wiedergelesen: Iain Banks‘ „The Bridge“

Vor rund 25 Jahren stand es auf der Lektüreliste eines Uni-Seminars über zeitgenössische, schottische Literatur, nun habe ich es erneut gelesen: Iain Banks‘ Roman The Bridge. Was seinerzeit als experimentell und postmodern galt, erschien mir nun schlichtweg als ein Stück beeindruckend gut geschriebener Literatur – und als ein möglicher Ahn von Gothic & Steampunk.

The Bridge erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach einem Unfall im Koma liegt. Dieser erwacht als John Orr auf einer gigantischen Brücke ohne Anfang und Ende, einem Bauwerk, das mit seiner komplex-skurilen Gesellschaft voller Anklänge ans viktorianische Zeitalter und seinen Eigenheiten eine Welt in sich ist. Während Orr sein Gedächtnis und, mehr noch, die Ufer der Brücke sucht, entfalten sich parallel die Geschichte hinter dem Unfall und eine Geschichte aus Geschichten, eine schräge schottische Version klassischer Sagenmotive verwoben zu einer literarischen Splatterstory mit Tiefgang.

Natürlich hat vor allem letzteres eine Menge mit postmodernen Ideen zu tun – Texte die neue Texte hervorbringen bzw. alte verdauen, Motive, die sich in sich selbst verwickeln wie die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, etc. Aber was zur Entstehungszeit des Romans (1986) intellektueller Hype und auch so etwas wie eine Modewelle war, hat die Zeit erstaunlich gut überstanden. Während man auf den ‚realistischeren‘ Ebenen eine Menge über das Großbritannien und vor allem das Schottland der Thatcher-Ära erfährt (und ich mich nicht entscheiden kann, fühlt sich das ewig weit weg oder nicht doch unheimlich wiedergängernah an), haben die fantastischen Erzählstränge und die verschiedenen Erzählebenen und Erzählperspektiven eine fast zwingende, allemal bestechende Logik und Ästhetik.

Es hat sich allemal gelohnt, das Buch wiederzulesen. Was mich nun jedoch schockiert, ist die Feststellung, dass Iain Banks vor knapp 2 Monaten an Krebs starb. So fühlt sich beim Beschreiben das Wiedergelesenhaben wie eine Elogie oder wenigstens ein Abschied an, was beim Wiederlesen selbst noch voll Entdecker- und vor allem Vorfreude auf all die anderen, unbekannten, neuen Werke des Autors war … das macht auf eigenartige Weise traurig und melancholisch.

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