Angegraut

Macbeth gilt als eine der blutigsten, düstersten Tragödien aus Shakespeares Feder und zugleich als ein, vielleicht das Lehrstück in Sachen Macht (und Moral). Gestern eröffnete die Inszenierung von Wolfgang Engel im Essener Grillo-Theater die Saison und blieb, trotz durchaus beachtlicher Schauspieler und dem ungewöhnlichen Bühnenbild (Andreas Jander), streckenweise blutleer bis grau.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ganz erklären kann ich mir diesen Effekt nicht. Der gigantische, aber wandelbare Holzbau, den Andreas Jander auf die Bühnen setzt, mag fürs Licht eine Herausforderung gewesen sein, doch er bildet einen ebenso überraschenden wie passenden Rahmen für das Drama rund um Ehrgeiz, Gier und Macht. Darin entsteht, nicht zuletzt unterstützt von den reduzierten, aber treffenden ’schottischen‘ Kostümen (Zwinki Jeannée) und Tobias Schüttes Musik – so manch beeindruckendes Bild, ob es nun um die Auftritte der Hexen (Ines Krug, Anne Schirmacher, Silvia Weiskopf und als vierte Hexe am Cello Elisabeth Fügemann) oder die Szenen am Hof geht.

Überdies ist Jens Winterstein sicher ein guter Macbeth, ein Militär gefangen zwischen Ehrgeiz und Loyalität, Machthunger und Furcht. Dass er so manchen Monolog (und das Stück kennt einige …) ans Publikum gerichtet spricht, mag schon ein Hinweis darauf sein, wo meines Erachtens die Regie Stück (in einer weitgehend ausgezeichneten Übersetzung von Thomas Brasch), Stoff und Schauspieler ausbremst: so geht leicht die Energie fürs Drama auf der Bühne verloren. Und warum Engel seinen Macbeth auf die Begegnung mit Banquos (Tom Gerber) Geist schon fast ins Hysterische gezeichnet spielen lässt, die Reaktion auf den Selbstmord von Lady Macbeth (Siliva Weiskopf) jedoch nur müde runterspulen lässt, verstehe ich überhaupt nicht mehr. Da solch seltsame Brüche in den Emotionen jedoch bei verschiedenen Schauspielern vorkommen – z.B. ist Jan Pröhls Macduff hochdramatische Reaktion auf die Nachricht der Ermordung seiner Familie zwar brillant gespielt und vom Stück her sicher vertretbar, sie will aber nicht so recht zur kühlen Emotionslosigkeit anderer Szenen mit dieser Figur passen -, scheint mir dahinter eben der Wille der Regie zu stecken. Bloß worauf das zielt, das bleibt mir so unbegreiflich wie das clowneske Ende, bei dem der siegreiche Malcom (David Simon) das Publikum als sein Volk anspricht, dem er nun die Wiederherstellung der Gerechtigkeit verspricht, nur um beim Abgang durch den bereits geschlossenen Vorhang dann auf die (stumme) Hilfe von Macbeth‘ Helfer Lennox (Thiemo Schwarz) angewiesen zu sein.

Schade. Mit dem Ensemble und bei dem Stück hätte mit einer entschlosseneren, durchdachteren Regie um einiges mehr drin sein müssen …

P.S.: Zum Thema „Macbeth mit Zylinder“ komme ich hoffentlich morgen. 😉

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