Unterwasserliteratur

„Reading Japanese is like reading under water“. Mit den Worten bekam ich Yasunari Kawabatas Palm-of-the-Hand-Stories im Sommer überreicht. Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich bis heute gebraucht habe, um peu à peu die Sammlung kurzer und kürzester Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers von 1966 zuende zu lesen?

Die Geschichten sind über einen langen Zeitraum entstanden. Die älteste stammt aus dem Jahr 1923, die jüngste von 1972. Dazwischen liegt ein Weltkrieg, aber vor allem wohl ein großer Kulturwandel, die Öffnung zum Westen hin vielleicht auch. Das jedenfalls wäre ein Grund für den Effekt, dass die jüngeren Geschichten ein wenig näher an der Wasseroberfläche liegen, um im Bild meines Eingangssatzes zu bleiben.

Doch die inhaltliche Seite – dass aus einer fremden Kultur und über Menschen in dieser erzählt wird – ist nur das eine. Das andere ist die Form. In der westlichen Literatur könnte man sagen, dass die Kunst der Kurzgeschichte darin liegt, den bezeichnenden Augenblick zu finden. Eben den Augenblick – die Szene – den Lebensabschnitt – schlicht: das Teilstück, das für sich genommen das Ganze enthält – zum Zentrum der Erzählung zu machen. Und doch, ganz natürlich, ganz selbstverständlich, haben westliche Erzählungen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Sie schildern Entwicklung, nicht immer dramatische, aber doch zumeist erkennbare. Und selbst, wenn sie einmal Stagnation, die Verweigerung der Veränderung behandeln, basieren sie als Erzählung doch immer noch auf dem Dreiklang aus Anfang, Mitte, Ende.

Japanische Erzählungen, so scheint es zumindest bei der Lektüre von Yasunari Kawabatas Palm-of-the-Hand-Stories benötigen dies nicht. Zumindest durch meine ‚westlichen Augen‘ lesen sie sich häufig so, als begännen sie noch meist einigermaßen motiviert – also an einem Punkt, den auch ich ‚Anfang‘ nennen würde. Dem folgt manchmal mehr Beschreibung als Handlung, doch selbst wenn es eine Entwicklung ist, die erzählt wird – sie erfährt kein Ende. Nichts, was  sie abschließt, kein Punkt, von dem aus man sich als Leser umdrehen und die Erzählung als Ganzes in einem anderen Licht erkennen würde. Natürlich, sie enden. Manchmal, nein recht häufig klingen die letzten Sätze auch nach:

„She did not know where he lived, but she had the feeling that she would know which way a man whose hand she had held so many times would go.“ (The Blind Man and the Girl)

„Of course, with this, perhaps she would become a great dancing girl.“ (The Rooster and the Dancing Girl)

„Now, her heart like that of a pilgrim to a holy land, the woman went back to the goups of itinerant performers to find her daughter and the girl’s father and tell them about the faces.“ (Faces)

Aber erst in den Geschichten, die in den 1960ern entstanden sind, werden die Enden auch für mich als Fremde erkennbar als Abschluss der jeweiligen Erzählung. Bei den früheren Geschichten habe ich mich oft gefragt, ob diese sich zu ‚unseren Erzählungen‘ verhalten wie Haikus zu – sagen wir: epischen Gedichten.

Ich weiß es nicht sicher. Ich habe einfach zu wenig Erfahrung mit japanischer Kultur und japanischer Literatur. Als Jugendliche hatte ich eine Phase, in der ich mich viel mit Haikus, insbesondere denen des klassischen Dichters Issa beschäftigt habe (u.a. weil es mich fasziniert hat, mit wie wenig Worten ein Mensch Dinge so ausdrücken kann, dass sie hunderte Jahre später auf einen anderen Menschen auf einem anderen Kontinent berühren). Und ich las Kagero Nikki – Das Tagebuch einer Eintagsfliege, das um 974 entstand. Doch selbst Mitsuhara Yuris The Eighteenth Summer, das immerhin eine Kriminalerzählung darstellt, ist verzaubernd anders, schwer zu greifen mit den Mitteln, den Brillen, den Interpretationsansätzen, mit denen man hierzulande sonst umgeht. Und das war sie dann auch schon, meine gesammelte Erfahrung mit japanischer Literatur. Wahrscheinlich sollte ich sie erweitern.

Denn gerade weil ich die Palm-of-the-Hand-Stories nicht vollständig auflösen oder auch nur begreifen kann, machen sie mich neugierig auf mehr, auf das, wo sie herkommen.

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