Weihnachtsmehrteiler, kriminell

Leseproben sind ja gut und schön (hoffe ich zumindest), aber ich dachte mir, jetzt zu Weihnachten darf’s auch mal ein bisschen mehr sein. Und deshalb gibt es in den kommenden Tagen Stück für Stück einen Weihnachtskrimi aus meiner Feder – der ursprünglich in der Anthologie Leise rieselt der Schnee, hrsg.v. Gisa Klönne im Ullstein-Verlag erschienen ist:

O du fröhliche

von Mischa Bach

Bereits, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, wusste Irene, in dieses Leben würde sie nie wieder zurückkehren können. Nur, wo ging man hin, wenn man eine – seine! – Welt verloren hatte? Einen Augenblick überlegte sie, sich jetzt sofort zu stellen. Doch das ging nicht. Nicht am Vorabend von Weihnachten.

Ein paar Stunden später stand sie am Bahnhof. Stunden zu früh für die Reise nach Hause, zu Großmutter, Mutter und Schwester. Die wenigen Nachtzüge waren ausgebucht. Es blieb ihr nichts übrig, als zu warten. Noch länger durch die leere Stadt zu irren, deren Weihnachtsdekorationen weder zu ihrer Stimmung noch zum natürlich viel zu warmen Wetter passen wollten, hätte sie nicht ausgehalten. Drei, fast vier Stunden bis zum nächsten Zug, wie sollte sie die nur überstehen? Unwillkürlich musste sie plötzlich kichern. Normalerweise war die Abfahrt zu Oma Serafine und Tante Linda, wie Björn, ihr Sohn, die beiden nannte, Stress pur. Bis alle ihre Sachen gefunden hatten, bis Robert ganz sicher war, dass sie kein Haushaltsgerät versehentlich eingeschaltet gelassen hatte, bis alle also endlich in der Tiefgarage des exklusiven Apartmentkomplexes anlangten und glücklich im Wagen saßen, das dauerte immer ewig. Und jedes Mal der Streit zwischen Robert und Björn, weil der Junge die ewige Nachfragerei, die tausend Checklisten des Vaters nicht ausstehen konnte. Sie hatte das auch nie leiden können. Das jedenfalls würde sie nicht vermissen.

Aber sie wollte nicht über Robert nachdenken, das würde sie früh genug tun müssen. Wie jedes Jahr seit Björns sechzehntem Geburtstag hatte sie auch diesmal Serafine vorgewarnt, möglicherweise käme sie allein und dann mit dem Zug. Man wusste ja nie, was der Junge sich in den Kopf setzte, oder ob Robert plötzlich noch »arbeiten« musste. Gut, bis jetzt hatte es jedes Mal in letzter Minute doch noch geklappt. Aber diesmal war daran nicht mal im Traum zu denken.

Obwohl es eine milde Dezembernacht war, fröstelte Irene. Die Restaurants am Bahnhof hatten schon lange geschlossen, einzig in der Bahnhofsmission brannte noch Licht. Zögernd ging sie auf die Tür zu und öffnete sie. Es tat ihr leid, die freundlichen Menschen hier belügen zu müssen, warum sie um diese Zeit am Bahnhof war und warum es vor allem unmöglich war, zuhause auf den ersten Zug am Morgen zu warten. Doch es schien niemand aufzufallen oder zu stören. Man bot ihr einen Platz auf einem Sofa und ein Getränk an. Niemand drängte sich ihr auf. War die Weihnachtszeit vielleicht doch so gnadenbringend wie das Lied verhieß?

Das Lied. Fast hätte sie aufgestöhnt, als sie es wiedererkannte. Diesmal lief es im Radio und nicht nur in ihrem Kopf. »O Du Fröhliche« … jedes Mal, seit sie denken konnte, waren die Großmutter Stine, ihre Mutter Serafine und später auch ihre ältere Schwester Linda bei dem Lied in Tränen ausgebrochen. Jeden Heiligen Abend dasselbe. Sie hatte es nie begriffen, auch Robert und Björn hatten diesen Teil der Feierlichkeiten stets nur mit heimlichem Augenrollen ertragen. Das war einer der Punkte, in dem sich ihre kleine Familie ausnahmsweise einig war, ein Punkt auch, der ihr jedes Jahr aufs Neue den unüberbrückbaren Unterschied zwischen ihr selbst und, wie es ihr Therapeut genannt hatte, ihrer Herkunftsfamilie deutlich machte.

Aber, war dem wirklich so? Selbst, wenn sie nicht die unerklärliche, sentimentale Neigung zu diesem Lied verspürte, anscheinend hatte sie durchaus die Tendenz geerbt, sich einen Ehemann nach Art des Vaters zu suchen. Ihr Vater Heinz war genau so ein gründlicher, übergründlicher, alles kontrollierender und planender Mensch wie Robert gewesen. Und angeblich sollte ihr Großvater Adolf noch viel schlimmer, nämlich obendrein cholerisch und ein Filou gewesen sein. Sie war zu klein, als Opa Adolf nur Tage vor Weihnachten tödlich verunglückte. Mit ihren fünf Jahren hatte sie den Tod an sich wohl nicht verstehen können. Es hieß, sie habe sich nur Sorgen gemacht um das Fest und die große Krippe, die doch stets der Opa eigenhändig und ganz allein aufbaute. Mehr wusste sie nicht mehr von ihm, sie erinnerte sich einfach nicht. Bei der Bescherung damals, das wusste sie noch wie heute, war sie unendlich erleichtert, als sie die Krippe erblickte, und hatte sich gewundert, warum ausgerechnet bei »O Du fröhliche« alle in Tränen ausbrachen. Alle außer ihrem Vater natürlich. Der fuhr sie dafür barsch an, als sie nachfragte, warum die Tränen. Das gehörte sich nicht, nicht nachdem Opa Adolf gerade zu den Engeln gegangen war. Überhaupt, er wäre jetzt der Herr im Haus, und die Heulerei habe gefälligst aufzuhören. In dem Moment mochte das gewirkt haben, hier versagte Irenes Erinnerungsvermögen erneut, aber selbst, wenn ihr Vater diese Schlacht gewonnen hatte, den Krieg gegen das Lied hatte er klar verloren. Die Heulerei gab es jedes verdammte Jahr wieder. Und es würde sie, da war Irene sich sicher, auch am morgigen Heiligen Abend wieder geben. Es war einfach furchtbar.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll, Oma«, hörte Serafine die verunsicherte Stimme ihres einzigen Enkels Björn, »bitte, Du musst mir helfen.«

»Ich kann hier jetzt nicht weg, das Weihnachtsessen braucht mich«, antwortete die resolute Bäuerin bestimmt, »aber ich werde Linda wecken und sie Dir vorbei schicken. Bis dahin räumst Du erstmal auf, verstanden?«

 

…. neugierig geworden? Hier geht’s weiter!

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