O du fröhliche III

… heute endet Irenes Flucht und das Weihnachtsfest für Björn, Serafine, Linda – und Robert:

Irene saß inzwischen in dem kleinen, alten Zug, der sie nach Hause bringen sollte. Nach Hause … was für ein Hohn. Was sind wir nur für eine Familie, dachte sie. Dann sorgte sie sich wieder um Björn, ob der denn auch allein zurecht käme. Nun ja, vielleicht würde man ihr ja so lange Zeit lassen, bis er wenigstens das Abitur im Frühjahr hinter sich gebracht hätte. Angeblich waren deutsche Gerichte doch so furchtbar langsam und völlig überlastet. Wie würde Mutter es aufnehmen, wie die Schwester? Jahrelang hatte sie sich vergebens gefragt, wie sie ihnen den Trümmerhaufen ihres Lebens hinter der geschönten Fassade der Biotech-Managergattin und Wissenschaftsredakteurin beibringen sollte. Nicht mal als Björn letztes Jahr ohne Umschweife zu dem Einbruch ins Computersystem der Schule stand, der ihn fast die Abiturzulassung wenn nicht schlimmeres gekostet hätte, nicht mal da hatte sie sich durchringen können. Jetzt musste sie es. Sie musste gleich am zweiten Feiertag zurück in die Großstadt fahren und sich stellen. Was sollte sie denn sonst machen, mit der Leiche ihres untreuen, verhassten Gatten im Wohnzimmer? Linda und Serafine würden sicher auf Björn aufpassen. Und, wer weiß, vielleicht war das Gefängnis ja gar nicht so schlimm, wie es im Fernsehen immer aussah. Vielleicht konnte sie dort endlich in Ruhe lesen und ohne Angst vor irgendwelchen realen oder vermeintlichen Fehlern leben, für die Robert sie auf die eine oder andere Art bestrafen und demütigen würde. Anscheinend hatten die Frauen ihrer Familie eben kein Glück mit den (Ehe)Männern. Wenn sie recht darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass Großmutter und Mutter, ja selbst die verlassene Schwester, erst nach dem Abgang der jeweiligen Männer so richtig aufgeblüht waren. Vielleicht würde ihr das auch gelingen. Möglicherweise könnte sie sogar eine Gefängniszeitung gründen. Fast traumhaft schien ihr das, doch da bemerkte sie, dass sie bereits ihr Ziel erreicht hatte. Eilig raffte sie ihre Sachen zusammen und stieg aus dem Zug.

»Mama!« rief Björn. Erstaunt erblickte Irene ihren Sohn, der mit Lindas Geländewagen am Bahnhof auf sie wartete.

»Was – wieso bist Du – Du warst doch nicht etwa zuhause?!« wollte Irene entsetzt wissen. Björn nahm sie wortlos in den Arm und führte sie zum Wagen, beruhigende Zärtlichkeiten murmelnd. Er verfrachtete seine wie betäubte Mutter auf den Beifahrersitz, schnallte sie sogar eigenhändig an, bevor er sich selbst hinters Steuer klemmte.

»Mach Dir keine Sorgen, Mama, ist alles geregelt.« Er schob ihr sein Laptop rüber, das Ding, das ihm Robert geschenkt hatte und mit dem er den Schulserver geknackt hatte. Eine automatisch generierte E-Mail informierte Dr. Robert T., dass die Buchung seines Mietwagens wie des einfachen Fluges auf die Bahamas bestätigt sei.

»Blätter weiter«, sagte Björn, der mühsam den jungenhaften Stolz in seiner Stimme zu unterdrücken versuchte. Mechanisch klickte sich Irene durch die geöffneten Fenster des Bildschirms – Roberts Kündigung, die Auflösung seines Portfolios samt Geldertransfer zu einer Offshore-Bank eines dieser winzigen Inselstaaten, die keine Fragen stellen, selbst zwei Abschiedsbriefe, einer an sie und einer an die Sekretärin waren dort zu lesen. Irene blickte ihren Sohn fragend an.

»Naja, er ist halt weg, abgehauen«, reagierte Björn, »was kann ich dafür, wenn er zu blöd war, die Standardpasswörter zu ändern?«

»Und wo ist er – wo ist seine …?« Irene konnte es nicht aussprechen, nicht vor ihrem Sohn.

»Frag nicht, dafür haben Tante Linda und Oma gesorgt«, beendete Björn diesen Teil des Gesprächs.

Es wurden merkwürdige, aber auch schöne Weihnachtsfeiertage im Bauernhaus. Serafine und Linda waren rührend bemüht um die Heimkehrerin, die nun, ganz genau wie sie, eine verlassene Frau war. Jedenfalls in gewissem Sinne und in den Augen der Großstadtwelt, in die sie samt Sohn anschließend zurückkehren würde, sowieso. »Manchmal kann man eben nicht auf ein Wunder warten«, stellte Serafine fest, »manchmal muss man selber handeln. Glaub mir, Kind, das Leben geht weiter. Das hat Großmutter Stine so erlebt, und mir ging’s auch nicht anders.« Linda nickte und Björn drückte Irenes Hand. Sie waren alle wirklich eine Familie, dachte sie dankbar.

Als sie alle »O Du fröhliche« anstimmten, liefen auch Irene plötzlich die Tränen übers Gesicht. Mit einem Mal verstand sie, dass nicht immer Versöhnung im üblichen Sinne gnadenbringend ist, sondern dass es manchmal endgültigere Schritte braucht. Natürlich bezahlt man für solche Schritte, dachte sie schniefend, aber manche Welten sollten besser verloren gehen. Und auch verloren bleiben. Dafür würden, was Robert anging, die Schweine im Stall schon Sorge tragen …

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