Schatzsucher, klassisch

Dass Shakespeare bis heute auf allen Bühnen der Welt zuhause ist, dürfte auch damit zu tun haben, dass seine Figuren so menschlich sind, dass sie über Zeit- und Kulturschranken hinweg zu berühren vermögen. Molière ist dagegen eine ganz andere Art von Klassiker: Er nimmt menschliche Schwächen und vor allem die fiesen Züge des Homos Sapiens aufs Korn, die wir alle so gern vergessen würden – aber die zu überwinden wir in den letzten paar hundert Jahren wohl kaum geschafft haben. Das zeigt so amüsant wie böse auch die Essener Inszenierung des Geizigen, die gestern Abend im Grillo Theater Premiere feierte.

Dass er ein Händchen für das böse Fach der Komik hat, bewies Regisseur Jasper Brandis bereits mit seiner Inszenierung Präsidentinnen. Jetzt auf der großen Bühne, die sein Bühnen- und Kostümteam Katrijn Baeten und Saskia Louwaard mit einer einzigen, gigantischen grauen Treppe füllten, darf er dieses Talent noch ein paar Nummern größer zeigen. Ein Theater im Theater oder auch der öffentliche Platz, die Gesellschaft, wo Menschen sich doch eigentlich im besten Licht (das hier zu Licht und Schattenspielen der strengen, geometrischen Art wird) zeigen wollen – und sich nur allzu häufig selbst entlarven …

Komödie ist immer auch eine Frage des Timings – bei Jasper Brandis gelingt das auf spielerische, tänzerische, ja höchst musikalische Weise: Ob Text oder Treppenlauf, -tanz, -fall, alles ist präzise auf den Punkt hin inszeniert. Wenn Stefan Diekmann Cléante, den verschwenderisch veranlagten Sohn des Geizigen, die Treppe hinunter stolpern lässt, ist das so halbrecherisch wie atemberaubend und zugleich ein Tanz, bei dem man nicht weiß, gibt die Musik (überwiegend Jazzstandards variiert von Caravan) den Takt an oder das Spiel auf der Bühne dieser den Takt vor?

Natürlich ist weder er noch sein Vater Harpagon (Thomas Büchel), der in Beigebraun so grauslig 70jahremäßig ausschaut, dass man bis weit ins Publikum hinein meint, das Knistern des Polyesters auf der eigenen Haut spüren zu können, das, was man einen Charakter, eine runde menschliche Figur nennen könnte. Schließlich sind wir bei Molière und wenn der den Geiz anprangert, dann tut er das so überspitzt und pointiert, dass diese eine Eigenschaft die ganze Rolle füllt. Diese ‚Typisierung‘ funktioniert auch bei den anderen Rollen ganz hervorragend: Floriane Kleinpaß ist als Élise nicht nur wie ein Ballarinapüppchen gekleidet ist, sondern agiert aufgezogen wie eine menschgewordene Spieldosenfigur. Valère (Jens Ochlast) , ihr Geliebter, der sich als Diener tarnt, hat so große Gesten, dass beinahe die Leere der Treppe für sie nicht Platz genug zu haben scheint. Frosine (Ingrid Domann) ist als Kupplerin so sehr ins Kuppeln wie ins Geld verliebt, dass allein Pläne zu schmieden sie in Ekstase versetzt. Getoppt wird all das noch von Mariane (Anne Schirmacher), hier keine bescheidene, verarmte Jungfrau, sondern so etwas wie  eine Chantalle auf der Suche nach ihrem Kevin: Sie prollt mit so viel Spiellust in ihrer hässlich-schrillen Aufmachung, dass Cindy, Kebekus & co. dagegen einpacken können.

Glänzen lässt diese Inszenierung übrigens auch die Nebenrollen: Jens Winterstein schleicht und schleimt als Makler Simon so widerlich auf der Treppe herum, dass man schon fürchtet, auf seinen Spuren müssten die anderen ausrutschen. Aber das ist nichts gegen seinen Auftritt als Polizist (in einer Albtraumszene, die als solche für mich nicht erkennbar war, aber das machte nichts, das passte auch so) in kurzen Hosen und mit brillantinegeplättetem Haar unterm Helm. Jan Pröhl dagegen als sämtliches Personal des Geizigen gelang das Kunsttsück, komisch wie tragisch in seiner Jagd nach dem Huhn und dem Versuch, das Beste aus dem Nichts zu machen, das sein Herr zur Verfügung stellt, zu sein.

Fazit: Auch, wenn’s die eine oder andere Länge gab, selbst, wenn der Schluss für mich hätte knalliger sein dürfen, das ist ein Abend der so komisch wie böse wie wahr ist. Und überdies eine Inszenierung, die ich mir gewiss noch das eine oder andere weitere Mal anschauen werde.

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