Inspirierend

Gar nicht so einfach, über eine frische Nobelpreisträgerin zu schreiben, wenn man soeben zum ersten Mal eines ihrer Werke ausgelesen hat: Alice Munros Erzählband Runaway ist natürlich meisterhaft. Wobei ich nicht jede darin enthaltene Erzählung gleichermaßen gelungen finde, alle jedoch auf ihre Art inspirierend sind.

Ganz gleich, welche der Geschichten man liest – der Wahl des geeigneten Zeitpunktes kommt bei Munro große bis grundlegende Bedeutung zu. Nun ließe sich einwenden, dass das bei Kurzgeschichten und Erzählungen sozusagen zur Definition des Genres gehört. Gerade weil eben nicht in epischer Breite, mit der Ausführlichkeit eines Romans erzählt wird, geht es ja darum, den kennzeichnenden Moment im Leben der Figur, die bezeichnende Szene für was immer gestaltet und gezeigt werden soll, zu finden. Aber mir scheint, dass Alice Munro dabei noch weiter geht. So präzise die Zeitpunkte gewählt werden, so verschachtelt sind sie in ihrer Pluralität.

Nicht alle arbeiten mit Rückwendungen und Sprüngen wie etwa Passion, das höchst bezeichnend zeitlich markiert anhebt:

Not too long ago, Grace went looking for the Traverses‘ summer house in the Ottawa Valley. She had not been in this part of the country for many years, and of course there had been changes.

Was dort passierte, welche Veränderungen dort vorgingen, das enthüllt sie nicht einfach in einer großen Rückblende, sondern durch verschiedene Zeitpunkte und Erzählschichten hinweg.

Doch immer ist die Wahl des Erzählzeitpunktes wesentlich für dier Art, wie die erzählten Zeitabschnitte verstanden bzw. häufig zunächst missverstanden werden. Und Missverständnisse, häufig solche, die im ersten Augenblick oder auch für einige Jahrzehnte eindeutige Angelegenheiten scheinen, deren Doppelbödigkeit erst gegen Ende sichtbar wird, sind ebenfalls nicht wegzudenken aus den Geschichten. Sicher ist wenig bei Munro, schon gar nicht die Figuren und erst recht nicht ihre Interpretationen ihrer Mitwelt. Obschon zumeist ordnende, kommentierende Einwürfe eines mehr oder minder auktorialen Erzälers (oder auch eines personalen Erzählers, der über einen ausreichend großen zeitlichen Abstand zum Erzählten verfügt) die Wahrnehmungen des Lesers steuern, darf man sich auch in dieser Rolle keinesfalls sicher sein. Manchmal ist es gar wie im wahren Leben – in Powers gibt es keine endgültige, von der Geschichte für wahr erklärte Interpretation, nur (mindestens) zwei einander ausschließende Versionen wesentlicher Teile des Geschehens.

Hinzu kommt bei dieser Erzählung, dass sie eine Art gewagt-kunstvoller Flickenteppich ist. Sie beginnt als Tagebuch der Protagonistin auf dem Weg zur Heirat in den 1920ern, läuft weiter als personale Erzählung aus Sicht einer anderen Figur, in die Briefe dieser und anderer Figuren eingeflochten werden, um schließlich in drei großen Szenen (1968, 1970 und ’später‘) zu enden, in denen die Protagonistin vom Anfang als personale Erzählerin fungiert. Eigentlich dürfte ein solches Patchworkgebilde gar nicht funktionieren oder müsste mich abstoßen. Aber auf eigenartige Weise ist dies hier vollkommen stimmig.

Weniger stimmig scheint mir dagegen das Trio Chance, Soon und Silence, das drei wichtige Stationen aus dem Leben von Juliet erzählt: wie sie ihren Mann/Lebensgefährten kennenlernt, wie sie mit ihrem Kind ihre Eltern besucht, und wie sie schließlich von diesem Kind verlassen wird bzw. mit der Verlassenheit und dem Schweigen der Tochter zu leben lernt. Drei mal rund 40 Seiten, das hätte auch ein kurzer Roman werden können. Aber so deutlich verklammert sind die drei Erzählungen nicht, zumal die dritte und letzte sich für mich aufgesetzt oder auch drangeklebt las. Während Chance und Soon sowohl unabhängig voneinander funktionieren als auch einander spiegeln und erweitern, ist Silence schlicht so etwas wie eine Fortsetzung. Und das passt nicht zu geschliffenen Präzision, zur Reduktion auf das Wesentliche, die in den anderen Erzählungen bestimmend ist.

Nun ja, womöglich habe ich etwas nicht verstanden. Oder auch Literatunobelpreisträgerinnen sind nicht perfekt. Was wiederum tröstlich wäre … 😉

P.S.: Dass ich vieles zumindest äußerlich wiedererkannte, weil die meisten Geschichten über weite Teile in Ontario spielen, wo wir vor ein paar Jahren Urlaub machten, war ein schöner Bonus beim Lesen.

P.P.S.: Zu spät, um über das wundebare, leuchtende Tricks noch heute zu schreiben, hier eine Fremdrezension dazu.

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