Zweitmeinungen

Bereits bei den Kurzkrimis, die 2013 für den Friedrich Glauser Preis eingereicht wurden, erwies sich der eine oder andere beim zweiten Lesen als überraschend anders. Während manch einer mit jedem Lesen tiefer und reicher wurde, überstand manch andere Geschichte den zweiten Blick so wenig wie ein Vampir die Begegnung mit einem Sonnenstrahl. Nun las ich Max Frischs Mein Name sei Gantenbein mit Bleistift und Notizbuch ein weiteres Mal für mein nächstes Uniseminar – und bin bass erstaunt.

Beim ersten Lesen erschien das Buch, das ich als Lieblingsbuch einer befreundeten Multiplen las, raffiniert und intelligent, ein ungeheuer spannendes Spiel mit Identitäten und Perspektiven. Ich mochte den vielschichtigen, facettenreichen Text kaum aus der Hand legen, so begeistert war ich von der Entdeckungsreise mit Enderlin, Gantenbein und Svoboda, dem Dschungel der Möglichkeiten und Vorstellungen.

Wie anders beim zweiten Lesen, beim Versuch, dem Erzähler auf die Finger zu schauen und hinter die Spiegel seines Spiegelkabinetts zu blicken! Plötzlich steht die Frage im Raum, ob es hier womöglich um nicht mehr als eine literarisch höchst kunstvolle Erzählung einer männlichen Midlifecrisis geht: Immer wieder die Angst vorm Älterwerden, vor der Routine (insbesondere in Beziehungen), dazu das Gerede über das Verhältnis der Geschlechter. Mag sein, letzteres war in den 1960ern, als dieser Roman entstand ‚eben so‘ oder nahm sich zumindest aus Sicht eines arrivierten Mannes so aus – die geheimnisvolle Frau, die in ihrer Passivität den Mann manipuliert und selbst, wenn sie ihn betrügt, doch am Ende diejenige ist, die eine Entschuldigung nicht nur erwartet, sondern auch erhält. Aber aus heutiger wie weiblicher Sicht nervt das.

Beim ersten Lesen waren mir diese Zeichen – wie auch die mehrfach variiert wiederkehrende Szene, bei der der Ich-Erzähler in einer verlassenen Wohnung sitzt und sinniert, was sich durchaus als Hinweis auf ihn als verlassenen Ehemann deuten ließe – entgangen. Zu unbedeutend schienen sie zwischen all den Dingen, die sich der Ich-Erzähler vorstellt – sei es Gantenbein zu sein, der vorgibt blind zu sein; sei es Enderlin nicht mehr sein zu wollen, der zwischenzeitlich glaubt, er habe nur noch ein Jahr zu leben; sei es Svoboda zu sein. Dieses Verwirrspiel um Lila, die einerseits mit Svoboda verheiratet ist und diesen mit Enderlin betrügt, andererseits mit Gantenbein verheiratet ist, der seine Eifersucht nur mit der scheinbaren Blindheit im Zaum halten kann, hat ja durchaus etwas. Allerdings: Es sind ja alles nur Vorstellungen der Ich-Erzählers, der sich Lila mal als Schauspielerin, mal als Contessa, dann wieder als Mutter denkt und dem gerade die Dinge, von denen er behauptet, sie seien real wie eine Reise nach Jerusalem besonders schal und irreal erscheinen.

Im Detail wirft der Roman nach wie vor höchst spannende Fragen über Identität und Realitätserleben, über gesellschaftliche Normen und selbst psychologische Fragen auf. Aber als Ganzes genommen verliert er sehr – ob nun beim Wiederlesen generell oder durchs nebenbei geführte Notizbuch, wäre noch herauszufinden. Denn eines ist mal sicher: Vor der entsprechenden Sitzung im Seminar werde ich ihn mindestens noch einmal lesen. Und dann werde ich dank meiner Studenten auch noch zig Perspektiven auf den Roman erfahren. Was für wunderbare Aussichten! 🙂

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Eine Antwort zu Zweitmeinungen

  1. Cornelia Berens schreibt:

    Liebe Mit-BücherFrau,
    Deinem/Ihrem Aufruf über die Mailingliste der BücherFrauen folgend, Erzählungen zur Identitätssuche aus dem Gedächtnis zu kramen, fielen mir die Geschlechtertausch-Geschichten aus den 70er-Jahren ein und da speziell die in der DDR entstandenen Varianten, als Titel schön zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Emmerich: Sarah Kirsch, Irmtraut Morgner und Christa Wolf, „Geschlechtertausch. Drei Geschichten über die
    Umwandlung der Verhältnisse“, Frankfurt a. Main 1980, interpretiert z. B. auch in einer Potsdamer Magisterarbeit, siehe
    URL http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2012/5976/pdf/denkiewicz_magister.pdf
    Bestimmt interessant, das scheinbar Antiquierte neu zu lesen.
    Auch Helga Schuberts Erzählungen, in der BRD unter dem Titel „Das verbotene Zimmer“ (später noch in der DDR unter dem Titel „Blickwinkel“, allerdings nicht komplett), kommen mir in den Sinn.
    Mit bestem Gruß
    Cornelia Berens (http://www.cornelia-berens.de/literatur-gespraeche.html)

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