Unbestechlich

Dance of the Happy Shades – was für ein poetischer, vielversprechender Titel! Und was für eine kluge Entscheidung, die gleichnamige Geschichte als letzte abzudrucken. So bleibt im doppelten Sinne die Spannung erhalten, wenn man sich auf die Reise durch Alice Munros ersten Erzählband macht.

Das erste, was auffiel: Diese frühen Geschichten sind viel kürzer als die späteren; wo letztere auf 40 und mehr Seiten kommen, begnügen sich erstere mit rund 15. Ich kann aber nicht sagen, dass das der Lesefreude oder der Qualität der Erzählungen Abbruch tut. Munro erzählt hier eben Geschichten, die mit weniger auskommen und doch ganze, kleine Welten in sich tragen.

Und auch bei diesen frühen Erzählungen gibt es Brücken, Beziehungen zwischen an sich unabhängigen Geschichten; Figuren tauchen an verschiedenen Stellen wieder auf, manchmal explizit mit demselben Namen, manchmal nur mit ähnlichen Berufen und Konstellationen (z.B. wenn die Tochter eines – gescheiterten – Silberfuchzüchters erzählt), etc. Überhaupt hatte ich das Gefühl, Munro vermag es, unsichtbare Fäden zu spinnen, die mich als Leserin binden, fesseln, und das über die Grenzen der einzelnen Erzählungen hinaus.

Das ist ja häufig zugleich Vor- wie Nachteil an Erzählbänden: dass der Lesefluss immer wieder endet. Man kann leicht ein- und aussteigen bzw. kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, weil man zumeist nach einer oder vielleicht zwei Erzählungen das Buch erstmal beiseite legt. Es ist ja kein Roman, kein großes Ganzes, mehr ein temporärer Begleiter, heute auf einer Bahnfahrt, morgen im Wartezimmer und übermorgen in der Teepause …

Wie anders bei Alice Munro. Ihre Bücher kann ich kaum aus der Hand legen, obwohl oder vielleicht gerade weil es ja immer abgeschlossene Erzählungen sind. Wo ich sonst denken würden, ’nun ist aber mal gut‘, fiebere ich bei ihr ‚eine noch, noch eine Geschichte, dann ist wirklich Schluss für heute‘.

Was mich an Dance of the Happy Shades vor allem begeisterte: das, was ich die Unbestechlichkeit ihres Blicks nennen möchte. Sie sieht ganz genau hin und schildert ohne mit der Wimper zu zucken entscheidende bis einschneidende Momente im Leben ihrer Figuren, die zugleich wie kleine, klare Spiegel funktionieren. Manchmal, wie etwa bei der Ich-Erzählerin in The Office, die sich fürs Schreiben ein Büro mietet, um Ruhe vor ihrer Familie zu haben, nur um darauf hin vom Vermieter belagert zu werden, werfen unangenehme Reflektionen zurück: wer hätte nicht schon mal das Gefühl gehabt, erst zu zaghaft und höflich, und dann womöglich zu heftig und abweisend die eigenen Grenzen gezogen zu haben? Andere, wie A Trip to the Coast hinterlassen ein Schaudern: selbst, wenn man sich als Leser sicher ist, die Hauptfigur (ein Mädchen noch) ist nicht schuld am plötzlichen Tod ihrer Großmutter, so mag kann man sich doch nicht des Gedankens erwehren, dass es furchtbar sein muss, mit einem solchen Erlebnis weiterzuleben. Und es nützt nur marginal, sich dann zu sagen, das ist doch nur Fiktion.

Denn so einfach ist das bei Munro nicht, so einfach macht sie es weder sich noch ihren Lesern. Vielleicht liegt das an der (scheinbaren?) Alltäglichkeit der Begebenheiten, die sie schildert: solche Geschichten, so denkt man, die passieren immer wieder. Immer und überall. Glücklich, wer dann eine Figur in einer Munro-Erzählung ist. Denn welche Fehler man als solche auch begehen wird, eines ist sicher: der unbestechliche Blick dieser Autorin führt doch nie dazu, dass sie ihre Figuren verraten oder denunzieren würde. Nicht einmal – oder auch erst recht nicht – in der titelgebenden Geschichte die sich um eine alte, zunehmend lächerliche Musiklehrerin dreht, die am Ende doch so etwas wie eine stillen und poetischen Sieg davon trägt …

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2 Antworten zu Unbestechlich

  1. Gesine Schulz schreibt:

    Hallo Mischa, gestern hatte ich zu Deiner schönen Rezension von Alice Munros Buch getwittert:

    Unbestechlich. Über ‚Dance of the Happy Shades‘ (Tanz der seligen Geister) von Alice Munro http://wp.me/p3tGCO-1e2

    … und heute morgen fiel mir beinahe die Teetasse aus der Hand, als es bei Twitter hieß:
    „Alice Munro favorisierte Deinen Tweet“

    Nach dem ersten, freudigen Schreck kam ich zu dem Schluss, dass sie (wahrscheinlich) nicht selbst tweetet – aber wer weiß… 😉

    https://twitter.com/GesineSchulz

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