Was bleibt

Woran wird man sich in hundert Jahren erinnern – von meinem Leben, Ihrem, Deinem? Bleibt allein erhalten, was materiell fassbar ist, wie Andrews geschäftstüchtiger Bruder Martin suggeriert? Bleiben gar nur Schmerz und Verletzung, die wir einander zufügten? Oder, wenn doch etwas überdauern sollte von uns, könnte es nicht vielleicht das Glück sein – das wir suchten, fanden, verloren? Solche Fragen stellt mir die Noah Haidles Lucky Happiness Golden Express, das gestern in der Essener Casa Premiere feierte. SCHAUSPIEL ESSEN: "Lucky Happiness Golden Express" von Noah Haid Leben und Sterben im China Imbiss: Lissa Schwerm, Jens Winterstein (Foto: Martin Kaufhold)

Andrew (Jens Winterstein) hat einen Schlaganfall erlitten, was die Familie nach Ewigkeiten im Krankenhaus zusammenbringt: Die ältester Tochter Thump (Lissa Schwerm) als bebrillte Bigotterie in Person verlangt von ihrem Mann Jock (Gregor Henze) den Vater zu töten – als Akt der Barmherzigkeit und weil sonst das Geld der Risikolebensversicherung verloren geht. Mutter Vivien (Ingrid Domann) hat vor langem die Familie verlassen, weil sie sich als unfähig zu lieben empfand, und stolpert dafür im demenzgeprägten Heute vor allem durch die wenigen Glücksmomente der Liebe, die sie mit ihrem Mann teilte. Andrea (Anne Schirmacher), die jüngere Tochter, kümmert sich um sie und kann sie doch nicht im Jetzt halten.

So könnte man den Rahmen des Ganzen beschreiben, innerhalb dessen Noah Haidle die Spuren des flüchtigen Glücks verfolgt, was wiederum Regisseur Tom Gerber mit so viel Sinn für Humor wie für Tragik, wie man nun mal zum Überleben des Lebens bis zum unvermeidlichen Ende braucht, und einem guten Blick für Bilder inszeniert. Die Erzählung springt zwischen innen und außen (so folgt auf die Außenansicht der Krankenhausszenerie ein zweiter Durchlauf derselben aus der isolierten Innensicht Andrews, der sich nicht mehr mitteilen kann), zwischen Heute und Gestern, manchmal wohl auch zwischen Traum und Realität. Müßig, dies hier mit wenigen Worten nachzeichnen zu wollen, das muss man selbst sehen  — allerdings sei dringend dazu geraten, Karten im Mittelblock zu erwerben. Von den Seiten verpasst man sicher zu viel vom Dazwischen etwa der beredten Blicke, die im China Imbiss je nach Lage der Dinge zwischen Andrew, der hier jeden Freitag nach dem (stets selben) Tagesgericht fragt, bevor er es mit einem Mai Tai bestellt, und einer weiteren Restaurantbesucherin (Anne Schirmacher) sowie den beiden Kellnern, gespielt von Lissa Scherm und Gregor Henze, hin und her gehen.

Und das wäre schade, zumal an dieser Inszenierung einfach alles stimmt: Der Text ist wunderbar und so gut übersetzt, dass ich mehr lesen möchte sowohl vom Autor als auch der Übersetzerin Brigitte Landes; die Livemusik (Dirk Raulf) passt hervorragend sowohl zu den Figuren als auch den Themen (wovon man nicht sprechen kann, davon sollte man vielleicht singen, und wenn man dement ist, erinnert man sich so womöglich um so besser), das Bühnenbild (Ralph Zeger) steckt trotz oder gerade wegen der bedrückend-abwaschbaren Krankenhausatmo zu Beginn voller Überraschungen. Ebenso die Schauspieler: Die Kinderdarsteller in der Eröffnung spielen wirklich und sagen nicht nur ihren Text auf. Die drei jüngeren Darsteller (Henze, Schirmacher, Schwerm) springen mit Lust und Präzision von einer Rolle in die nächste und zurück. Und Jens Winterstein beweist, dass man mit reinem Brabbeln oder sogar nur dem Hochziehen einer einzigen Augenbraue oftmals mehr sagen kann als mit tausend Worten.

Deshalb scheint es angemessen, nun auch hier zum Ende zu kommen. Denn ich möchte ja nicht, dass von meinem Schreiben weniger bleibt als von Andrews Leben oder Viviennes Erinnerungen. 😉

 

 

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