Kurzweilig

Wie könnte ich als Fast-Ägyptologin und Beinahe-Tänzerin anders, als mir die Arbeiten der jungen Choreografen anzuschauen, die gestern zum dritten Mal im Namen des altägyptischen Gottes des Tanzes im Essener Grillo-Theater Premiere feierten? Ptah III heißt es folgerichtig, aber wenig inspiriert. Und obwohl eine Choreografie tatsächlich herausragend, zwei weitere sehr gut erschienen – ein bisschen trifft das auch auf den sehr kurzen Abend (abzüglich des überfrenetischen Applauses gerade mal eine Stunde) zu.

Eigentlich soll man sich das Beste ja bis zum Schluss aufheben – gestern jedoch kam das Beste gleich am Anfang: Garb ist ein in jedem Sinne des Wortes traumhaftes wie präzises Tanzstück, wunderbar getanzt von Liam Blair, Denis Untila, Armen Hakobyan, Dmitry Khamzin und Igor Volkovskyy (letzterer ist zugleich der Choreograf und sowohl als auch für mich eine echte Entdeckung). Was Tanz und Traum mit Zeit und Raum, selbst mit Ursache und Wirkung spielerisch anzufangen wissen, erlebt man hier in wenigen Minuten. Durchdacht, auf den Punkt, humorvoll und mit viel Kraft, gewissermaßen mit Flügeln getanzt – was will man mehr?

One Morning von und mit Anna Khamzina und Dmitry Khamzin ist ein zugleich romantischer wie einigermaßen moderner Pax de deux. Hübsch anzuschauen, gewiss, aber nichts, was groß im Gedächtnis haften bleibt. Außer, dass es bei mir eine Frage auftauchen ließ, die sich an diesem Abend noch wiederholt stellen sollte: Was sollen all diese ’symbolischen Berührungen‘ – wenn sich z.B. seine Hand ihrem Kopf in sanftem Schwung annähert, woraufhin ihr Oberkörper diesem Impuls ‚folgen‘ wird, noch bevor er sie tatsächlich spürbar berührt haben kann? Zumal in den Stücken, wo Männer miteinander tanzten, sie einander wirklich anfassten – Körper in Bewegung eben, miteinander ganz handfest umgehend, nicht zarter Pinselhauch nur hingemalt in die Luft …

My Body is a Cage hat Davit Jeyranyan zum gleichnamigen Song von Peter Gabriel choreografiert und es gemeinsam mit Wataru Shimizu getanzt. Manchmal waren mir die Pseudogebärden, die den Liedtext streckenweise begleiteten, etwas zu viel (oder zu wenig, vielleicht hätten echte Gebärdensprachgebärden anders auf mich gewirkt?), aber insgesamt war auch das ein in sich schlüssiges, rundes Ganzes. Licht, Ton, Tanz – alles kam zusammen und das weitgehend so, dass es spannend, berührend war, neugierig machte auf mehr.

Ähnliches und noch besseres lässt sich über Passacaglia , die neue Choreografie von Michelle Yamamoto und Denis Untila sagen. Nach diesem Stück hat das Wort ‚hemdsärmlig‘ plötzlich eine ganz neue Bedeutung – denn die weißen Herrenhemden, die zunächst schlicht wie Kleidungs- und zugleich Bühnendekostücke wirkten, hatten es in oder wohl eher an sich: Klettband ließ die Armkleider der beiden Tänzer Liam Blair und Denis Untila  zu Sport- bzw. Tanzgeräten werden. Ausgesprochen sehenswert!

Jo – oh je, von dieser Yamamoto/Untila-Arbeit ist mir nur der Trend zum Rückwärtsauftreten bei den Damen im Kopf geblieben, und ich kann nicht sagen, für wen ich das beschämender finde (ich finde, ich sollte ein besseres Gedächtnis haben). So oder so, die beiden auf der Bühne – Yuki Kishimoto und Igor Volkovskyy – konnten sicher nichts dafür.

Im Rausch der Sinne hat Julia Schalitz ihre Choreografie für Xiyuan Bai genannt. Ein höchst sinnliches Stückchen Tanz, ein Schwingen, Wiegen, wie Wellen im Meer oder die Zweige eines Baumes. Für meinen Geschmack ein bisschen zu verspielt, zauberte es mir angesichts der elfendünnen, giraffenlangen Tänzerin und dem Gefühl von Südsee eine Reihe imaginärer Hula-Tänzerinnen in den Sinn. Mütterliche Figuren, die Arme vor der nicht unbeträchtlichen Brust verschränkt oder in die breiten Hüften gestemmt schauten sie mit in meinem Kopf Xiyuan Bai zu: „Tanzen kann das Mädchen, aber warum sie bloß nichts essen will …“ schienen sie mir zu sagen.

Bei Embodiment von Armen Hakobyan wird zu viel gesagt und noch viel mehr versucht, und am Ende bleibt doch das Gefühl, weniger wäre sehr viel mehr gewesen: Was soll das philosophisch Gerede eines schon akustisch schwerverständlichen Nichtmuttersprachlers auf Englisch? Gut, es sagt mir, Achtsamkeit und Beobachtung und manch anderer Aspekte aus dem Buddhismus sind wohl auch in den Tanz gewandert.  Zu einem solchen Text dann jedoch über die gesamte Fläche der Bühnenöffnung Großaufnahmen von Füßen, Händen, Bauchmuskeln und anderen Körperteilen des Choreografs und Haupttänzers zu projezieren, ist eitler Unfug. Warum man anschließend einen Tanz im Dunkeln veranstaltet, bei dem die Tänzer sich selbst mit LED-Lämpchen so wenig beleuchten, dass sie wie Glühwürmchen wirken, ist vielleicht ein noch größeres Rätsel. Und, als sei das für ein Stück von nicht mal zehn Minuten nicht schon genug Kleinklein, folgt auch noch ein dritter Teil, bei dem man viel zu viel vom selbstverliebten Armen Hakobyan und viel zu wenig von seiner Partnerin Ana Sanchez sieht.

Schade, dass das der Abschluss des Abends ist. Ich bin dadurch mit sehr gemischten Gefühlen gegangen – erst recht, weil die Intensität der Bravo-Rufe und stehenden Ovationen am gestrigen Premierenabend in keinem Verhältnis zum Gezeigten standen. Garb, My Body is a Cage und Passacaglia würde ich gern nochmal sehen. Sie waren den Theaterbesuch allemal wert. Deshalb: Wer Tanz liebt, lässt sich von meinen Worten hoffentlich nicht abhalten, sich eine eigene Meinung zu bilden! 😉

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