Das rechte Maß

Immerhin drei Bücher aus meinem Reisegepäck habe ich Verwandten- und Heurigenbesuchen, Migränean- und Hitzeausfällen zum Trotz im Urlaub ausgelesen: Irene Scharenbergs Ein Fall zuviel, Cody McFadyens Das Böse in uns und Elizabeth Georges Just One Evil Act.

Jedes dieser drei ist Teil einer eigenen Reihe. Ich habe sie in der Reihenfolge meines Lesens aufgeführt, die zudem der ihrer zunehmenden Dicke entspricht: Pielkötters vierten Band erzählt Irene Scharenberg auf 200 Seiten,  Cody McFadyen braucht für Smoky Barretts dritten Fall mehr als das Doppelte (448 Seiten) und die 18. Geschichte von Inspektor Linley & Barbara Havers benötigt gar 867 Seiten. Reiner Zufall, könnte man sagen, und doch: für mich stehen Stärken wie Schwächen aller drei Bücher in mehr oder minder direktem Zusammenhang mit der Länge.

Pielkötter kämpft im 4. Band mit ehelichen Problemen verschiedener Ausprägung und, je nach Ermittlungsstand, mit null bis drei Fällen: Der Mann, der im Landschaftspark Nord zu Tode stürzte, könnte ein Selbstmörder sein – bloß, wieso haben Zeugen zwei Schreie gehört? Und wenn der Tod einer in Scheidung lebenden, einsamen Frau nur ein Unfall war, wieso hat sie dann einen Hinweis hinterlassen, dass sie verfolgt wird? Steckt ihr Noch-Ehemann dahinter? Und wie passt das zu dem toten Chemiker in der Uni und dem merkwürdigen Gebahren des Arztes all dieser Personen? Der Plot ist durchdacht und gut gebaut, die Ermittlung sind in sich stimmig und selbst die Eheprobleme des Kommissars passen, sind sie doch u.a. den polizeiüblichen Überstunden geschuldet. Soweit ist das Ganze eine solide Sache, handfeste und spannende Urlaubslektüre. Für Pielkötter-Fans sicher ein Muss, allen anderen, die gerne Duisburg-Krimis jenseits von Schimanski lesen wollen, würde ich allerdings empfehlen, mit Band eins der Reihe zu beginnen, um Pielkötter & co wirklich kennenzulernen. Während die Konzentration aufs Wesentliche dem Plot gut tut, beschneidet sie die Figuren in ihrer psychologischen Tiefe. Da hätte es ruhig mehr als das Minimum zum Verständnis der Handlungen innerhalb des Krimigefüges sein dürfen.

Das glatte Gegenteil dazu ist Cody McFadyens Das Böse in uns. Hier erfährt ich viel mehr als ich je wissen wollte – über grausame Details aus der Vergangenheit der Ermittlerin, die in der epischen Breite nichts zum aktuellen Fall beitragen, über Nebenfiguren, die ohne Bedeutung bleiben oder andere, alte Serienmörder-Fälle. Schwer zu sagen, was mehr nervt: Der Präsens, in dem beschrieben statt erzählt wird (und nein, dadurch kommt ganz und gar kein Gefühl von Unmittelbarkeit oder auch nur ein Quentchen mehr Spannung auf), die quasitheologisch begründeten Serienmorde oder die alberne Auflösung. Dass es diesmal nicht ein verrückter Serienmörder ist, sondern sich um ein solches Zwillingspaarhandelt, stellt lediglich eine Verdoppelung der Banalität dar, während Katholizismus als Triebfeder statt dem üblichen Sex nur mäßig originell ist. Warum manch Rezensent auf dem Klappentext beteuert, er habe das Buch in einer Nacht durchlesen müssen, und danach trotz Sieg des Guten noch vor Spannung gebebt, ist mir völlig schleierhaft. Spannend fand ich lediglich so manche philosophisch angehauchte Einlassung  der Ermittlerin, aus deren erlebenden Ich die Handlung geschildert wird. Über

Die Sünde ist die Nabe, um die sich das Rad der Religionen dreht

konnte ich mir wenigstens ein paar eigene, spannende Gedanken machen.

Warum ich Elizabeth Georges Just One Evil Act zuende gelesen habe, ist gar nicht so leicht zu sagen. Die ersten Bände ihrer Linley/Havers-Reihe habe ich seinerzeit verschlungen, bis für meinen Geschmack die Schilderungen der privaten Probleme derart überhand nahmen, das mich die Lust verließ. Im 18. Band ist Linleys Privatleben angenehm zurückgenommen, während das von Havers zur unabdingbaren Triebfeder des Plots wird – ein gelungener Kunstgriff, wie ich finde. Warum aber z.B. alle paar Seiten wieder und wieder darauf herumgeritten werden muss, dass Havers sich weder zu kleiden noch zu benehmen versteht, ist mir unbegreiflich – es beleidigt meine Intelligenz bzw. mein Gedächtnis und scheint angesichts der Dicke (oder schlicht: Überlänge) des Buches unnötige Seitenschinderei. Dass Havers alle Grenzen regulärer Polizeiarbeit zum Wohle eines Freundes überschreitet, und es am Ende doch nur ein Happy End gibt, das den Fortgang der Serie sichert, ist enttäuschend. Bei aller epischen Breite, all den angenschnittenen Themen – länderübergreifende Polizeiarbeit und -korruption, Spurensuche wie Spurenlegen im digitalen 21. Jahrhundert, Rassismus- und Terrorismusfragen plus solchen nach dem Kindeswohl bei unverheirateten, getrennten Eltern – hätte ich mehr erwartet als ein Verbrechen aus Leidenschaft, das durch Unkenntnis kultureller Differenzen nach hinten losging.

Just One Evil Act hätte etwas von der Beschränkung aufs (Krimiplot)Wesentliche von Ein Fall zuviel gut getan; dass ich es dennoch über 800 Seiten zuende las, ist definitiv Elizabeth Georges literarischen Qualitäten und der Tatsache, dass es mir von einer geschätzten Freundin und Kollegin empfohlen bekam, geschuldet. Allerdings werde ich wohl erst wieder ein Buch von Elizabeth George lesen, wenn es deutlich unter 500 Seiten hat …

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