Lokalhistorisches

Regionalia gehören normalerweise nicht zu meinen Lieblingslektüren und bei historischen Romanen bin ich ausgesprochen wählerisch. Doch heute habe ich ein Buch beendet, das mich gelehrt hat, warum andere das möglicherweise anders sehen – und an dem ich durchaus meinen Spaß hatte: Unter dem blauen Pfauen heißt der 1984 erschienen Roman Reinhard Schmoeckels und er spielt in Neuwied am Rhein, wo ich die ersten 21 Jahre meines Lebens verbracht habe.

Um es gleich vorweg zu sagen: Literarisch schwankt der Text zwischen unauffällig bis leicht hölzern, was teils dem Versuch geschuldet sein dürfte, die Sprache des 18. Jahrhunderts zu imitieren, teils damit zusammenhängen wird, dass der Autor zwar in der Bundespressestelle tätig war, aber eben ausgebildeter Jurist und kein ausgewiesener Schriftsteller ist. Aber es geht ihm wohl auch nicht um Sprachkunst, vielmehr steht bei ihm so etwas wie die historische Wahrheit im Vordergrund.

Das passt bei diesem Buch auch insofern, als es seinerzeit zum 200. Jahrestag der Erhebung des neuwiedischen Grafenhauses in den Reichsfürstenstand erschien und er es einen „historischen Tatsachenroman“ nennt. Aus zahlreichen Einzelperspektiven entsteht  das Sittengemälde einer kleinen Grafschaft, in der der Religionsfreiheit und dem recht aufgeklärten, ja toleranten Grafen zu Wied zum Trotz Standesdünkel und Vorurteile aber auch Freiheitswillen und aufstrebender Bürgerstolz das Zusammenleben der Menschen prägen.

Für mich als geborene Neuwiederin ist darin so manches von Interesse. So sind Brüdergemeinde, Menonnitenkirche, Herrenhuter, Marktkirche, die verschiedenen Ausrichtungen der diversen christilichen Kirchen in und um Neuwied herum mir natürlich geläufig. Aber während ich erst im Studium, also nachdem ich Neuwied verlassen hatte, die Besonderheit dieser Vielfalt begriff – die meisten Gegenden Deutschlands sind schließlich wahlweise überwiegend katholisch oder mehrheitlich protestantisch geprägt – war das für die Menschen des 18. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich.

Aber vermutlich ist dies wiederum für Nicht-Neuwieder höchstens dann interessant, wenn Alltagsgeschichte des 18. Jahrhunderts zu ihren Steckenpferden gehört und sie einmal bekannte Persönlichkeiten der Geschichte, ob es sich nun um Fürst Metternich (senior, sozusagen ;-)) oder den bis heute bekannten Möbel- und Kunsttischler David Roentgen handelt, in einer Romanhandlung ‚erleben‘ wollen. Denn Nicht-Neuwieder werden es ja auch nicht nachfühlen können, wie es ist, die geschilderten Orte, Straßen, Kirchen, das Schloss, den Park etc. pp. selbst zu kennen, um sie während der Lektüre gewissermaßen zeitreisend zu besuchen. Was für mich eine Art ‚Heimaturlaub im Kopf‘ ist, ist für Ortsfremde – hm, fremd, vermute ich.

Denn, so vermute ich, der Reiz an Regionalia liegt weitgehend in Wiederbegegnung mit Vertrautem, Alltäglichen zwischen zwei Buchdeckeln — und hier wird der Reiz durch die 200jährige Zeitverschiebung noch gesteigert. Falls ich jetzt dennoch jemand ohne Ortskenntnis zum Lesen verführt haben sollte, würde ich mich über einen Kommentar sehr freuen: Wie liest sich Unter dem Blauen Pfauen ganz von außen, welches Bild meiner Geburtstadt entwirft es für Ortsunkundige?

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