Eine runde Sache

Natürlich ist Ulrich Ritzels Beifang so kastenförmig, wie Bücher nun mal sind und auch als E-Book wird es vier Ecken haben … aber als Kriminalroman ist es definitiv eine runde Sache: Rund wie der Ring und die Kette, um die es darin (auch) geht; rund, wie sich so eine Krimihandlung nach zahlreichen Windungen und Wendungen am Ende mit ihrer so überraschenden wie schlüssigen Auflösung präsentiert und obendrein so rund, wie es nur eine ’self-begetting novel‘ (also eine Geschichte, deren Entstehung selbst Teil der Geschichte ist) sein kann.

Dabei lag dieses Buch eine ganze Weile neben meinem Bett; immer wieder hervorgeholt, angeschaut, aber über den Klappentext kam ich nicht hinweg. Von wegen „für alle LesrInnen von Martin Suter, Hakan Nesser und Stieg Larsson“ – was soll denn dieser freiwillige Kopfsprung in die Schublade? Und was will Tobias Gohlis damit sagen, dieses Buch als „Glücksfall“ für die Kriminalliteratur zu bezeichnen? Was soll das sein – bzw. was würde, umgekehrt, Pech für „die“ Kriminalliteratur bedeuten?

Das fragte ich mich vor bzw. eine Zeit lang statt der Lektüre. Jetzt muss ich sagen: Pech wäre es gewesen, dieses Buch nicht gelesen zu haben. Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt einen Krimi mit so viel Genuss gelesen habe – noch dazu einen deutschen, in dem ein Privatdetektiv neben der Polizei ermittelt. Und das Buch ist mehr als nur eine spannende Kriminalgeschichte bzw. das Verweben diverser krimineller, kriminalistischer und verbrecherischer Stränge. Es ist überdies eine ausgesprochen gekonnte Erzählung eines Autoren, der sein Handwerkszeug, die Sprache, mit Lust und Können beherrscht.

Was für mich schwerer wiegt als das, was Gohlis wohl mit „welthaltig“ meint – die Nazi-Vor- und Hintergrundgeschichte, die Korruption in Politik und Justiz bzw. das moralisch verwerfliche bis verbrecherische Fehlverhalten praktisch überall dort, wo jemand die Macht dazu hat. Immerhin hat sich Ritzel für die Belletristik entschieden, eben Literatur und kein Sachbuch geschrieben.

Dennoch, jetzt, nach dem Lesen bin ich in einem Punkt einer Meinung mit Tobias Gohlis: Dieses Buch ist ein Glücksfall – und zwar für jeden Leser, der nicht einfach nur spannende Unterhaltung sucht (die bietet Beifang auch), sondern der sich darüber hinaus sowohl an Verweisen auf die sogenannte gesellschaftliche Realität wie auch ästhetischer Sprache zu erfreuen vermag.

 

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