Textreisend, Wortesuchend

Ich soll den Abschluss machen bei einem Journalismus-Workshop unter dem Motto 1914-1918, der im französisch-belgisch-deutschen Dreiländereck statt finden wird. Mitreisen kann ich nicht, also werde ich weder die Ardennen sehen noch Lüttichs Festung. Und eigentlich soll es bei mir drum gehen, die Workshopteilnehmer bei ihren Reisetagebüchern zu unterstützen – an sich bin ich also als Ideenhebamme engagiert, eine Aufgabe, die ich bekanntlich liebe. Dennoch wollte ich mich ebenfalls auf eine Reise begeben, allerdings eine Zeitreise per Buch und Text, durch die Gedanken und Ideen von vor hundert Jahren. Gestern durchstreifte ich neben dem Inhalt meiner Bücherregale so manche Lyrik-Quelle im Netz und stieß u.a. auf Gedichte.eu, wo ich nach langem endlich wieder Erich Mühsam begegnete:

Weltschändung
Juli 1916

Vernichtet nur das eigene Geschlecht,
zerstört, was je durch Menschenfleiß geworden!
Doch welche Mächte gaben euch das Recht,
des Wassers Glanz, der Blume Duft zu morden?
Wenn das Geschützrad Halm und Strauch zerbricht,
seht ihr die Säfte nicht, die sterbend quillen?
Ja, ängstigt euch der Steine Vorwurf nicht,
auf die ihr tretet um des Bösen willen?
Wißt! jedes Etwas ist gleich euch beseelt,
und jedes Lüftchen hat von Gott sein Leben.
Die Knospe, der ihr das Erblühen stehlt,
verlangt’s von euch zurück. Könnt ihr es geben?
Nicht für die Menschen ward der ewige Hauch,
der göttliche, dem Weltall eingeblasen.
Ihr tötet die Natur. – Schafft ihr sie auch,
dann laßt des Krieges Höllenfeuer rasen!
Erich Mühsam . 1878 – 1934

Das klingt fern. Zumindest auf den ersten Blick hofft man, dass all dies fern bleibt (so fern sind letztlich weder die Ukraine noch der Gaza-Streifen) und dass sich der Grundgedanke – alles Leben ist als solches gleichwertig – vielleicht doch irgendwann, am liebsten vor dem Jahr 4573, halbwegs allgemein durchsetzt. Die Frage ist nur, setzt sich da dann die Optimistin durch, die die Menschheit für zwar langsam, aber lernfähig ansieht – oder bekommt die Pessimistin recht, weil dieser Erkenntnismoment mit dem Ende der Menschheit einhergeht?

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