Delightful

Kurz bevor ich tatsächlich aufbreche – physisch betrachtet, um räumlich gesehen zu reisen – kann ich von einer weiteren Station meiner literarischen Zeitreise berichten: Beasts and Super-Beasts (1914) des britischen Schriftstellers Hector Hugh Munro, der sich selbst Saki nannte. Ich las diese Menagerie der satirischen Art in der Penguin Popular Classics Ausgabe The Best of Saki von 1994, was das Risiko mit sich brachte, von den weiteren Geschichten darin gefangen genommen zu werden. Aber nach zwei oder drei Ausflügen in die 20er Jahre konnte ich mich heldenhaft losreißen – sonst hätte ich womöglich nicht nur auf diesen kleinen Blogartikel, sondern überdies auf einen Besuch im Fundbüro der EVAG, meine Schreibsprechstunde im Unperfekthaus und am Ende gar meine Reise ins Rheinland verzichten müssen.

Deshalb: Lesen sollte man diese Miniaturen mit ihrer so genauen wie satirischen Figurenzeichnung unbedingt. Man sollte nur drauf achten, dass man drumherum nichts weiter wichtiges zu erledigen hat.

Ein bisschen passt das zu Sakis Figuren, die überwiegend dem Großbürgertum (wenigstens jedoch der Mittelklasse) oder dem Landadel entstammen – wirklich ernsthaft von Bedeutung ist das, was sie meinen tun zu müssen, nicht. Aber das hindert sie nicht daran, sich beim Versuch, sich mit diesem oder jenem vor den Augen der anderen auszuzeichnen, so richtig lächerlich zu machen.

Ein Esoteriker und Möchtegernmagier (The She-Wolf) wird ebenso hereingelegt wie eine Schar nichtgeladener Gäste, die unbedingt zur Gartenparty wollen, aber an der 13jährige Nichte im Pflaumenbaum und einem wilden Eber scheitern (The Boar-Pig). Eine Großmutter auf der Suche nach der perfekten Gattin für ihren Erben und Enkel hält einen Rettungsversuch zu lang am Elch fest (The Elk), während der Pendler, der seinen Mitreisenden endlich mal mitreißende Erlebnisse erzählen will, sich in seinen eigenen Lügen verstrickt, bis ihm am Ende niemand die viel dramatischere, aber wahre Tragödie seines Lebens glaubt (The Seventh Pullet).

Besonders berührend, amüsant geschrieben und zugleich scharfsinnig beobachtet fand ich A Holiday Task und The Lumber-Room. Während die letztere aus Sicht eines klugen Kindes die Welt der wohlanständigen Erwachsenen (vor allem die der Tanten) demontiert, erzählt erstere von der Begegnung eines schüchternen Mannes mit einer jungen Dame, die vergessen hat, wer sie ist und sich selbst nun mit seiner Hilfe im Ausschlussverfahren auf die Spur kommen möchte. Eine wahrhaft tragisch-komische Geschichte, die mich ein wenig an Nelly’s Version von Eva Figes erinnerte und bei der ich zu gerne wüsste, wie sie ausgehen würde, setzte Gesine Schulz ihre unnachahmliche Karo an die Stelle des jungen Mannes …

Aber, genug geplaudert für heute. Immerhin habe ich noch ein Fundbüro zu besuchen, eine Sprechstunde zu bestreiten und dann einen Zug zu besteigen. 😉

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