Bühnengesang im Schnee

Mangels systematischer Kenntnisse in Sachen Oper lande ich mehr oder minder nach dem Zufallsprinzip im Zuschauerraum des Aalto-Theaters. Dass ich Werther von Jules Massenet sehen wollte, wusste ich jedoch bereits, als ich das erste Plakat sah: Der Briefroman schlechthin als Vorlage für ein Opernlibretto? Kann das gut gehen? Und wie — vorausgesetzt, man hat die passenden Stimmen, die richtigen Musiker und womöglich noch so ein wunderbares Bühnenbild wie in Essen. WERTHER Premiere am 30.November 2013 Aalto Musiktheater Essen - Probenfoto - Noch ahnt Werther (Abdellah Lasri) nicht, dass Charlotte (Michaela Selinger) bereits vergeben ist … (Foto: Mahthias  Jung)

Häufig habe ich beim Opernbesuch das Gefühl, Zeugin schwieriger Kunst-Stücke zu werden, die ich kaum angemessen einzuordnen weiß. Nur selten ziehen mich Musik und/oder Bühnengeschehen so in den Bann, wie das im Theater oder auch in einem Film, mit einem Buch leicht geschieht. Bei Werther jedoch nahm mich bereits die Ouvertüre gefangen und über weite Strecken gelang es mir mühelos, mich von der Unlogik, die anscheinend zu Opernlibretti gehört wie der Tatktstock zum Dirigenten, nicht irritieren zu lassen. Ich habe noch nie jemand so sehr mit Leib und Seele eine Opernpartie singen hören wie Abdellah Lasri, der seinen Werther so vorbehaltlos verkörpert wie dieser bedingungslos ’seine‘ Charlotte liebt. Zum ersten Mal verstand ich, warum am Ende einer Oper Menschen im Publikum aufspringen und „Bravo!“ rufen.

Gut, ganz so weit war es bei mir noch nicht. So nuancenreich das Orchester klang, so ausdrucksstark Michaela Selinger die Charlotte sang, und so beeindruckend das Bühnenbild mitsamt seiner innewohnenden (Selbst)Zerstörung war – ein gigantisches Puppenhaus, in das ein rieisiger Baum fällt … – ganz über die befremdlichen Aspekte des Librettos und das ausgesprochen unterschiedliche Niveau der schauspielerischen Fähigkeiten einiger Sänger konnte mich das nicht hinwegtäuschen. Da bin ich wohl doch zu sehr Theatermensch, auch, wenn ich damit womöglich mit unfairen, weil unerfüllbaren Erwartungen ans Opernfach herangehe.

Immerhin hatte ich bei Werther das Gefühl, dieser Kunstform einen Schritt näher gekommen zu sein. Und überdies hatte ich einen wunderbaren Abend mit Freunden. Was eine Menge wert(h) ist. 🙂

 

P.S.: Was es mit dem Schnee auf sich hat … nun, das muss man wohl selbst sehen und kann bei der Gelegenheit gleich begreifen, was es in der klassischen Literatur mit den Beschreibungen von Wetter und Landschaft als Seelenspiegel der Figuren auf sich hat. 😉

 

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