Nichts als das Leben

Manche Menschen brauchen große Themen, um sich daran abzuarbeiten – wie etwa Hemingway den Krieg und die Jagd. Andere haben einen so klaren Blick und sind solch souveräne Erzähler, ja schon Prosa-Dichter, dass ihnen das genügt, was der Rest der Menschheit schlicht „Alltag“ nennen würde, um daraus kleine, sprachliche Meisterwerke zu schaffen. Man merkt’s an meiner Begeisterung: Ich habe mal wieder einen Band mit Erzählungen von Alice Munro ausgelesen – Dear Life um genau zu sein.

Zugreisen, die das ganze Leben verändern, ein dahingeworfener Satz, über den ein Ich-Erzähler sein Zuhause verliert (selbstredend selbstverschuldet), ein Mann, der immer wieder aussteigt aus seinem Leben, wie andere Pendlerbahnen hinter sich lassen, etc. Das sind die Figuren, die im Mittelpunkt von Munros Stories stehen.

Die vielleicht berührendste für mich war In Sight of The Lake. Die Oberfläche erscheint beinahe banal. Eine ältere, übervorsichtige Frau verwechselt einen Termin und will, nur um ganz sicher zu gehen, einen Spezialisten in einer Nachbarstadt aufsuchen. Da sie dort noch nie war und sie unter keinen Umständen zu spät kommen will, bricht sie bereits am Vorabend auf. Was zunächst wie eine Marotte wirkt, wächst sich zu einer Kleinstadtodysse aus, an deren Ende zwar eine Heimkehr steht, die im jedoch alles, was man bis dahin über die Geschichte zu wissen glaubte, auf einen Streich umwirft.

Ähnlich radikal gewendet wird Corrie, bei der man lange Zeit denkt, nun gut, dies ist also die Lebensgeschichte einer Frau, die Polio überstanden hat und die als Alleinerbin eines Vermögens trotz des schleichenden, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergangs um sie herum tun und lassen kann, was sie will. Warum sollte sie auch keinen verheirateten Liebhaber haben? Gut, dass sie dafür aufkommt, als er deswegen von ihrer Ex-Haushälterin erpresst wird, das müsste vielleicht nicht sein. Aber sie kann es sich doch leisten und wo sie niemand Rechenschaft schuldig ist … vielleicht, so denkt man, kommt ihr dieses Leben ja auch zupass, in der sie einen Liebhaber hat, aber keine alltägliche, gar familiäre Bindung eingehen muss. Vielleicht ist das genau das, was sie will. Vielleicht. Erwiese nicht das Ende der Geschichte, das alles ganz anders war, als Corrie und die Leser es sich dachten.

Diese Wendepunkte sind oftmals in unscheinbaren Sätzen verborgen. Sie tarnen sich als keine große Sache. Und doch wirken viele von ihnen wie ein Schlag in die Magengrube. Oder, ganz im Gegenteil, das Aufstoßen einer Tür hinaus ins Freie. Munro schreibt nicht nur die Leben ihrer Figuren auf wenigen Seiten, wo andere einen ganzen Roman ausbreiten müssten. Sie beschreibt damit zugleich das Leben an sich und manchmal kommt es mir vor, als schriebe sie um ihr Leben dabei.

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