Blutiger Ernst

Blutfunde hat Jutta Motz ihren 2013 bei Elster erschienen Roman genannt, der bei aller Spannung ernster und realistischer ist, als man das im Thriller oder Krimi gern haben kann. Nicht, weil dieses Genre per se unrealistisch wäre (das ist es nicht), sondern weil ich mir wünschte, Menschenhandel und das Geschäft mit der Flucht übers Mittelmeer gäbe es nicht oder wäre wenigstens weniger schlimm, weniger tödlich und menschenverachtend, als es der Roman es erzählt.

Weil aus Menschenhandel erst strafbare Fluchthilfe wird, wenn man diese an Land bringt, und die Bezahlung doch vorab erfolgt, ist es geradezu logisch, ja, beinahe zwingend, dass mancher Kapitän seine menschliche, aber illegale Fracht auf hoher See „löscht“. Will heißen: Sie zwingen die Menschen, in kleinere, untüchtige Boote umzusteigen, die sie anachließend rammen und versenken, um keine Zeugen zu hinterlassen.

Dass das kaum zu ahnden ist, weil es streng genommen keine Strafverfolgungsbehörde für Kriminalität begangen auf hoher See gibt, macht sprachlos. Bzw. mich macht es sprachlos – denn Jutta Motz hat es ganz offensichtlich gereizt, daraus einen Roman zu machen. Entstanden ist dabei ein Gesellschafts- und Sittenbild nicht nur des mafiadurchsetzten Italiens sondern auch eines Europas des kleinsten gemeinsamen moralischen Nenners namens Frontex.

Niemand scheint sich für das vieltausendfache Elend der Menschen zu interessieren, die versuchen, sich übers Mittelmeer zu uns zu retten, wo sie dann bestenfalls ein Asylverfahren erhalten (immer mit dem erheblichen Risiko, abgeschoben zu werden) oder als Illegale irgendwie überleben. Und diejenige, die sich – wie die Hauptfiguren des Romans, die Anwältin Gioa und ihre Freundin Jane, der ägyptische Polizeioberst und die Klarissinnen – doch für diese Menschen interessieren, verzweifeln selbst: nur so wenigen können sie helfen, nur so wenig ausrichten, das reicht doch niemals.

Wer sich nun fragt, wie kann man aus diesen bösen Zutaten einen spannenden Kriminalroman machen, dem sei unbedingt zu Jutta Motz‘ Blutfunde geraten. Mag sein, dass viele erfundene Serienkillergeschichten mit mehr Blut und anderen Körperflüssigkeiten aufwarten und dass manches effekthaschende Potenzial in diesem Roman dagegen gar nicht erst ausgenutzt wird. Doch gerade diese zurückgenommene, präzise Erzählweise macht eine de Hauptstärken des Romans aus: Sie lässt dem Leser Raum für die eigene Vorstellung und das eigene Denken. Und darin entfaltet sich die allergrößte, nachhaltigste Wirkung von Fiktion: man beginnt nach der Lektüre die Wirklichkeit ein Stück weit anders zu sehen …

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