Auktoriale Langeweile

Rumms, krach. Mein Mann blickte erschrocken hinter seinem Schreibtisch auf und sah mich fragend an.

„Nichts weiter“, sagte ich. „Nur ein wirklich beschissenes Buch.“ Das einzig spannende daran war die Frage, wieso um alles in der Welt ich es auf mich genommen hatte, den über 500seitigen Schinken bis zur Mitte immerhin querzulesen. Allein mit der Tatsache, dass sich der Titel Der dritte Zwilling verdammt danach anhörte, als könnte ich es für mein geplantes Zwillingsseminar gebrauchen, war das kaum zu begründen. Vielmehr dämmerte mir jetzt, warum ich nach Ken Folletts Die Nadel nur noch Die Säulen der Erde gelesen hatte. Diese hatte ich als mitreißend und spannend in Erinnerung. Die Zwillingsstory dagegen war nichts als langweilig.

So erzählt sich ein Ausschnitt meines heutigen Morgens aus der Ich-Perspektive.

Ja, das war wohl das passende Forum zu seiner Neuerwerbung. Allerdings gab es offensichtlich große Unterschiede zwischen den verschiedenen Versionen des Raspberrys, wie er schon vermutet hatte. Aber das sollte kein Hindernis sein, denn — Krach. Bumm. Erschrocken blickte er auf. Seine Frau sah ihn von der anderen Seite des Raumes an. Was war geschehen?

„Nichts weiter“, sagte sie, leichthin oder es schien zumindest so, „bloß ein echt beschissenes Buch.“

Er spähte an seinem Monitor vorbei – stimmt – einen guten Meter entfernt von ihr lag ein dickes Paperback auf dem Holzfußboden. Eigenartig. Sonst behandelte sie Bücher mit viel Respekt, jedenfalls die allermeisten.

Das könnte eine Art sein, das Geschehene aus seiner Sicht in der dritten Person und als personale Erzählung zu erzählen. Und natürlich könnte man dem jetzt noch andere Perspektiven zur Seite stellen, ohne dass es dadurch zwangsläufig langweilig würde. Man konnte das Erschrecken über den lauten Aufprall des Buches auch noch aus Sicht eines Nachbarn, der vielleicht auf dem Dachboden nebendran Wäsche aufhängt und dem dabei ausgerechnet das helle Lieblingshemd in den Staub fällt, und das eines Raben, der darüber auf dem Dach sitzt und dann auffliegt, folgen lassen. Oder wie wäre es mit einer Frau auf einem Balkon, die ganz in einen Krimi vertieft ist, und sich halb zu Tode eschreckt über den Knall, während ein Mensch auf der Suche nach seiner Sportpistole, die er am Abend zuvor achtlos mit der Sporttasche in den Flur warf, ohne zu bedenken, dass am Morgen die Putzfrau ihr Kind mitbringen wollte, womöglich das Schlimmste befürchtend aus dem Bett fiele, hörte er den Knall.

Schlau wäre es dabei, die wahre Ursache des Knalls erst ganz am Schluss zu enthüllen. Dann bliebe die Spannung erhalten, auch, wenn wir sonst nichts von den Figuren wissen, also nicht oder noch nicht wirklich mit ihnen mitfiebern können.

Leider erzählt bei Follett jede Figur lang und breit, was sie vorhat, so dass man als Leser stets weiß, was als nächstes geschehen wird. Überdies sind diese Figuren so grob geschnitzt, dass mich das bereits bei einem blutigen Anfänger nerven würde. Bei ihm jedoch kommt noch erschwerend hinzu, dass er sich nicht für sie zu interessieren scheint. Sie sind Schachfiguren, die es zum Nachstellen eines wahrlich arg konsturierten Plots um Fruchtbarkeitsmedizin, geheime Menschenzuchtprogramme der CIA, böse Biotech-Firmen und Zwillingsforschung eben braucht – kleine Rädchen in einer großen Mechanik, die zudem lautstark knirscht, hakt, scheuert und quietscht.

Vielleicht ist das Original sprachlich nicht derart hölzern und unbeholfen wie die Übersetzung – welcher Mensch unter 90 Jahren hätte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wohl „du schändlicher Hurensohn“ gesagt oder ausgerufen? Aber da Follett nicht gerade zu den Sprachkünstler zählt, kann ich mir nicht vorstellen, dass das eine derartige Verbesserung wäre, dass es  sich auf Englisch mit Genuss lesen ließe.

Was die deutsche Übersetzung angeht, kann ich davon nur jedem abraten.

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