Die Sache mit dem Fisch …

… und dem Dreißigjährigen Krieg, also der historische Vogtlandkurzkrimi, den Arnd Federspiel und ich gemeinsam erdachten, der geht so:

Der General, die Bäuerin und der ganz tote Fisch
von
Mischa Bach und Arnd Federspiel

Sie hatte den kroatischen Landsknecht in einer Gasse gefunden, und er kam ihr genau recht. Gerade weil er tot war. Das machte es einfacher, den Plan umzusetzen, der sich von einer Sekunde auf die andere in ihrem Kopf eingenistet hatte.
Vereinzelt drangen entsetzte oder wütende Schreie in die Gasse, ab und zu auch ein raues Lachen, dies alles meist gefolgt von Waffengeklirr, während sie den Landsknecht in eine schmale Lücke zwischen zwei Häusern zog und entkleidete. Dann war sie selbst an der Reihe. Sie streifte ihr Kleid und Unterkleid ab und legte die Uniform des Landsknechts an, warf sich dessen Schwertgehänge über die Schulter. Zu guter Letzt stopfte sie ihr langes Haar unter den Hut des Toten, und ergriff die Hellebarde, die nutzlos in den kalten Fingern des Mannes lag. An deren Spitze glänzte frisches Blut.
Einerlei, dachte Johanna. Das wird mich nur immer wieder daran erinnern, warum ich tue, was ich tue.
Sie warf einen letzten Blick auf die aus Weidenruten geflochtene Kiepe mit dem Gemüse, das sie auf dem Markt hatte verkaufen wollen, als sie am Morgen in die Stadt aufgebrochen war.
Schade darum, dachte sie, aber es war nicht zu ändern, das alles zurückzulassen. Solch eine Chance würde sich nie wieder ergeben.
Sie holte tief Luft, zog sich die breite Krempe des Hutes ins Gesicht, um ihre Züge zu verbergen. Dann trat sie mit leicht zittrigen Knien, aber dennoch entschlossen hinaus in die Straßen von Adorf, das gerade zum zweiten Mal von den Soldaten des Generals Holk geplündert wurde.
Sie ignorierte die Schreie, ignorierte die Szenen der Gewalt, an denen sie immer wieder vorbeistolperte. Und die sie nur in ihrem Entschluss bestärkten: Sie würde General Heinrich von Holk, Befehlshaber der Kaiserlichen Armee, töten.

***

1632 waren er und seine Männer das erste Mal durch diese Gegend gezogen, hatten Dörfer und einzelne Bauernhöfe überfallen, immer auf der Suche nach Kleidung, Nahrung, sowie Fourage für die Reit- und Nutztiere des 16.000 Mann starken Heeres. Im Juni schließlich hatte Holks Haufen Adorf erreicht, die Michaeliskirche geplündert und die Jugelsburg gebrandschatzt.
Unwillkürlich warf Johanna einen Blick in die Richtung, in der sie sich auf der anderen Seite des Tales erhob, sah jedoch oberhalb der Weißen Elster keinen Rauch aufsteigen. Bisher war die Burg also wohl verschont geblieben.
Die Michaeliskirche war jedoch auch dieses Mal wieder der Gier der Plünderer zum Opfer gefallen, ebenso wie die Stadt selbst.
Johanna schloss kurz die Augen, als die Erinnerungen an den vorletzten Juni sie überschwemmten und sich mit den Bildern der heutigen Plünderung vermischten.
War das wirklich erst 14 Monate her? Es fühlte sich viel länger an – und manchmal doch so, als sei sie noch gestern Ehefrau und Mutter gewesen.
Bis zum Wüten von Holks Männern. Die sich seitdem immer wieder im Umland herumgetrieben hatten. 14 Monate der brennenden Höfe und Dörfer, 14 Monate, in denen die Pest schließlich Einzug in die Stadt hielt. 14 Monate, in denen sie, trotz der Gefahr marodierender Haufen, aus der Stadt auf den kleinen elterlichen Hof zurückgezogen war. 14 Monate der Trauer.
Bis heute.
Heute hat sich das Blatt gewendet, dachte sie. Nicht nur für mich, auch für dich, General Holk.

***

Irgendwann hatte sie es geschafft, sich zwischen den kämpfenden und fliehenden Menschen hindurch einen Weg vor die Stadt zu bahnen, wo sich ein Pulk Soldaten gesammelt hatte. Leiterwagen, Kutschen und Packpferde waren mit Vorräten und wertvollen Gegenständen beladen worden. Manch einer der Landsknechte trug einen gut gefüllten Sack auf dem Rücken – oder zwei.
Ein Offizier gab das Zeichen zum Aufbruch.
Johanna schnappte sich einen kleines, in Tuch gewickeltes Bündel, das unbeachtet an einem Wagenrad lehnte, und mischte sich unter den Haufen, dessen Mitglieder lachend und scherzend oder die eigenen Heldentaten des Tages preisend, in Richtung von Holks Heerlager abzogen.
Über Adorf hing der Geruch von Feuer und Blut, doch den ließen sie bald hinter sich.
Je näher sie dem Lager kamen, umso mehr begannen ihre Gedanken zu rasen. Weiter als Landsknecht verkleidet zu bleiben, stand außer Frage. Sobald sie den Hut absetzte, würde sie entdeckt werden. Wie sollte sie erklären, dass sie als Frau in einer Uniform steckte – noch dazu in einer, die ihr nicht gehörte? Oder was sie hier zu suchen hatte?
Nein, es war am besten, sich in dem riesigen Lager zu verstecken, mit der Masse zu verschmelzen und so ein Teil von Holks Heer und den es begleitenden Menschen zu werden.
Nur, wo sollte sie sich verstecken?
Zunächst muss ich die Uniform loswerden und mir neue Kleidung suchen, dachte sie. Dann sehen wir weiter.
Sie erreichten den Rand des Lagers. Soweit das Auge reichte, erstreckten sich die Zelte, in denen Holks Männer biwakierten. Dazwischen immer wieder Karren, Kutschen und Kriegsgerät. Hier und dort sah sie angebundene Pferde stehen. Von irgendwo erklang das Blöken von Schafen und das Grunzen von Schweinen.
Ein Huhn lief vor ihr über den breiten zentralen Weg, der das Lager in zwei Hälften zerschnitt.
Eine Weile noch folgte Johanna den Soldaten, dann ließ sie sich unbemerkt hinter das Gros des Trupps zurückfallen. Nicht lange und der letzte der Landsknechte marschierte gut vier Mannslängen vor ihr.
Johanna sah sich um. Niemand schien sie zu beachten. Jetzt oder nie!
Schnell glitt sie zwischen einen Leiterkarren und ein Zelt, ließ das Bündel, das sie trug, achtlos fallen und schlängelte sich tiefer in das Labyrinth von Unterkünften und Ausrüstung, das sich vor ihr ausbreitete. Nach einer Weile – in der sie mehr Haken geschlagen hatte, als ein Hase auf der Flucht vor dem Jäger – hielt sie auf einem freien, von Zelten umgebenen Platz an. Er war nicht besonders groß, das Gras von unzähligen Füßen niedergetreten. In der Mitte wuchsen ein paar Apfelbäume. Zwischen ihnen spannte sich eine Leine, an der Sachen zum Trocknen hingen.
Kleider.
Genau das, was sie brauchte!
Ohne Zaudern griff sie nach einem Kleid, das in etwa ihre Größe zu haben schien, wenn es für ihren Geschmack auch etwas zu farbenfroh und auffällig war, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

[…]

Soweit die Leseprobe. Wer weiterlesen möchte, kann die Anthologie Vogtländisches Blut(bad), hrsg. v. Petra Steps im Wellhöfer-Verlag, in der unsere Geschichte natürlich komplett erschienen ist, zusammen mit 24 weiteren Geschichten zum Beispiel hier für 11,90 €  als Taschenbuch bestellen oder hier für 6,99 € als E-Book herunterladen.

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