Wortmusik

Sie war schon immer da, so kommt es mir vor. Eine Welt ohne ihre Stimme, ohne ihre Musik, auch ohne ihre androgyne Schönheit und ihre ganz eigene poetische Sprache kenne ich praktisch nicht. Und nachdem ich es in diesem Leben schon nicht geschafft habe, Susan Sontag oder David Bowie live zu begegnen, blieb ja gar nichts anderes übrig, als die einmalige Gelegenheit ihres Auftritts in der Essener Lichtburg am 10. August mit beiden Händen zu ergreifen. Wovon ich rede? Selbstverständlich von Patti Smith und ihrem „Evening of Words and Music“. 🙂

Gar nicht so einfach, darüber zu schreiben, stelle ich gerade fest. Was meine Anwandlung vor dem Ereignis zu spiegeln scheint – denn da stand ich hilflos vorm Spiegel und fragte mich, was trägt eine 50jährige Schriftstellerin und Malerin mit Hang zum Chaos zum Konzert einer 70jährigen Punkikone? (Die Antwort ist, natürlich: schwarz ;-)).

Daran kann man schon erkennen, eine Konzertkritik im engeren Sinn wird das hier (mal wieder) nicht. Ich war mir ja im Vorfeld auch nicht sicher, wie hoch nun der Anteil der Music und wie der der Words sein würde oder was man sonst zu erwarten hätte …

Es kam – wunderbar anders. Viel Musik, darunter viele alte, bekannte Stücke aber auch  neuere wie etwa das von Tony Shanahan zu Ehren von Amy Winehouse. Dazwischen Geschichten und auch ein Gedicht, Gedanken. Aber vor allem war da eine Frau voller Energie, nach wie vor bereit, sich in jeden Moment, jedes Wort, jeden Song ganz und gar hinein zu begeben – jaaa, man könnte sagen, dass war sehr ‚authentisch‘, aber der Begriff ist so abgelutscht, und da ich nicht wüsste, wie Lüge in der Kunst definieren, erscheint mir auch das Wort ‚ehrlich‘ kaum eine passende Beschreibung. Mir erschien es tatsächlich ein sehr persönlicher Abend, der mich auf eine bislang ungekannte Art den Mensch hinter der Musik und den Worten – bei ihr ist das eine nicht ohne das andere denkbar, das gehört zusammen wie ihre eindringliche Gestik und ihre hypnotische Stimme – sehen ließ.

Dass die Stücke, die so vielen Menschen zu Hymnen der Nächte wurden, eigentlich die Liebeserklärungen einer ganz bestimmten Frau an einen ganz bestimmten Mann sind, das war mir nie so deutlich bewusst. Und dass sie offenbar diese Liebe immer noch spürt, auch all die Jahre nach seinem Tod, war für mich ungeahnt. Was mal wieder zeigt, wie sehr auch ich an meinen Nasenspitzenhorizont kleben kann – denn das Persönliche im Veröffentlichten, das kenne ich doch auch (selbst wenn „meine“ Öffentlichkeit viel kleiner sein mag, sieht man mal von den Fernsehfilmen ab).

Wie wunderbar zu sehen, es gibt gar keinen Grund, alt und leise zu werden oder sich divenmäßig im Alter zwecks Bildung der eigenen Legende aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Wenn man will, kann man immer noch mit Haut und Haaren sein, was man eben ist – sich wie ein Kind ganz in den Moment vertiefen und im eigenen Tun verlieren – man kann einen Saal voller Menschen von den Stühlen reißen, berühren, und doch bei sich bleiben.

Was für Aussichten für die nächsten zwanzig Jahre … 🙂

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