Norma und ich

Norma, stimmt, eine Oper mit diesem Titel gibt es. Und Bellini ist in der Tat der Name eines Komponisten. Das war so ziemlich alles, was ich darüber wusste, bis es mich am letzten Samstag glücklich in die entsprechende Premiere im Essener Aalto-Theater verschlug. Hier nun die Gedanken und Beobachtungen einer, die immer noch auszieht, diese Kunstform und ihre Fans zu verstehen …

Noma (Kaia Pellegrino) und Adalgisa (Bettina Ranch), zwei grandiose Sängerinnen in der Essener Inszenierung von Bellinis

Norma (Katia Pellegrino) und Adalgisa (Bettina Ranch), zwei grandiose Sängerinnen in der Essener Inszenierung von Bellinis „Norma“ (Foto: Matthias Jung)

Operngänger suchen große Gefühle, während Theaterbesucher sich ihrer Kunst eher vom Kopf her nähern – das war eine These, auf die mich meine opernversierte Begleiterin brachte. Gemeinsam sei allerdings den Besuchern beider Bühnenkünste, dass angeblich im Parkett die sitzen, den es ums eigene Gesehenwerden zu tun ist, während auf dem Rang diejenigen Platz nehmen, die zum Sehen bzw. zum Hören kommen.

Hm, interessant. Nun bin ich zwar ganz und gar nicht der Ansicht, dass Kopf und Herz einander ausschließen, erst recht nicht, wenn es um Kunst gleich welcher Art geht, aber dennoch würde die These so manches erklären, was mich als Theater- und Sprachmenschen an der Oper immer wieder befremdet: die irrsinnig unlogischen Libretti etwa. So hat Norma (nuancenreich und kraftvoll: Katia Pellegrino) mit der titelgebenden gallischen Priesterin, die ausgerechnet mit einem verfeindeten Römer (Pollione: Gianluca Terranova) heimlich zwei Kinder hat, und die dann auch noch mitbekommt, dass der bei seinr Rückkehr nach Rom nicht etwa sie, sondern Adalgisa (betörend: Bettina Ranch), eine Novizin aus ihrem Tempel mitnehmen will, durchaus Konfliktstoff und dramatisches Potenzial. Es liegt auf der Hand, dass die Figuren hin und hergerissen sind in ihren Loyalitäten, ihren Gefühlen, ihren Entscheidungen. Aber wer wann wohin schwankt, das scheint völlig willkürlich, erklärt sich für mich weder aus der Handlung noch aus der Musik.

Doch wenn es den eigentlichen Opernfans gar nicht um die Schicksale geht, die es da vorgeführt bekommt, sondern um die Gefühle, die damit einhergehen und die vor allem die Musik transportiert wie erzeugt, dann mag das angehen. Dann ist Logik oder Psychologie nicht wirklich wichtig. Und zu hören gibt es bei Norma (angeblich eine Partie, die zu den schwierigsten überhaupt zählt) eine Menge – wobei es mir zum einen die Duette von Norma und Adalgisa (wenn das denn Duette waren und es keinen anderen Fachbegrif für derlei gesungene Begegnungen zweier Figuren gibt) und zum anderen die Chorstücke der Gallier (Choreinstudierung: Jens Bingert) angetan haben.

Dass manch Kritiker dagegen die Inszenierung (Tobias Hoheisel und Imogen Kogge) altbacken erschien, finde ich eher lustig. Wie soll man denn bitte ein Opernlibretto vor sich selbst retten? Was wäre modern an der Inszenierung eines Werkes aus dem 19. Jahrhundert, das seine Handlung in die Römerzeit verlegte, sich also gewissermaßen märchen-haft, mythen-selig gibt? Wenn die Figuren keine psychologischen sind, wie soll man ihnen dann psychologische Glaubhaftigkeit verpassen? Und würde man von allen möglichen Regieeinfällen überhaupt noch etwas merken, wenn am Ende doch das Primat der Musik herrscht?

Mir schien die Inszenierung im Aalto-Theater unaufdringlich und solide. Gewiss, die Kostüme sind ein wilder Stilmix, die Bühne dafür hölzern schlicht wie ein keltisches Fort. Alles in allem eher aufs Wesentliche beschränkt, aber keineswegs störend, weder ablenkend von der Musik noch, sofern man darauf aus war, den Emotionen, die mit ihr einher gehen.

Ich hatte Spaß, mich hat’s auf diverse interessante Gedanken gebracht – und das ist für mich ein gutes Zeichen, ich erwarte ja gar nicht, 90, 120 oder mehr Minuten durchgehend mitgerissen zu sein, gar nicht mehr zum Denken zu kommen. Aber, wie gesagt, ich bin ja auch kein klassischer Opernfan … doch dem Applaus nach zu urteilen kanen die meisten von ihnen am Samstag durchaus auf ihre Kosten. Sofern sie keine Kritiker waren, zumindest. 😉

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