3 + 2 = 7

… oder auch: 638 kilo Tanz (und andere Delikatessen) macht einfach glücklich. Selbst, wenn man, wie ich, leider Tag 1 verpasste, weil ich nun mal nicht gleichzeitig im Kunsthaus lesen und in der Casa zeitgenössischen Tanz anschauen kann. Gestern und heute, an Tag 3 und Tag 2, kam ich in den Genuss von 7 sehr verschiedenen Tanzstücken.

In Between von und mit Arianna Rodeghiero (Foto: Mischa Bach)

In Between von und mit Arianna Rodeghiero (Foto: Mischa Bach)

Und da ich diesmal nicht in der Jury bin, gibt es nun 7 Gedanken zu 7 Stücken …

Leviah heißt die Arbeit von Reul Shemesh, in der sie sich mit ihrer Armeezeit in Israel auseinandersetzt. Auch, wenn ich mir den Schluss einen Hauch entschiedener gewünscht hätte – zusammen mit ihrer Bühnenpartnerin Hella Immler gelingt ihr ein ungemein berührendes Stück voller eindrücklicher Momente in der schwarz-weißen Casa, die plötzlich etwas von wüstenartigen, weiten Landschaften und zugleich engen, eckigen Kasernen bekommt.

Auf Camouflage von Özlem Alkis war ich besonders gespannt, denn im Vorjahr war ihr Dust Devil mein Favorit. Schwarzgekleidete, zu wilden Monstern aufgepolsterte Perfomer auf schwarzer (Casa)Bühne vor schwarzer Wand – was anfänglich eine spannende, geradezu meditative Übung im Ganzgenauhinsehen ist, verläuft sich bald im Ungefähren. Schade, hier wäre entweder weniger (Dauer) mehr gewesen oder es hätte mehr als die eine Idee der Camouflage per Kostüm gebraucht.

One Final Evolutionary Note von Cie.OFEN (Choreographie: Michael Carter) begann gleich im Foyer des Essener Folkwang Museums. Ganz in sich versunken, in einer Zeitlupe oder wie einer Wasserblase, bewegte sich Iker Arrue zunächst allein durch all die Museumsbesucher. Ganz da und doch vollkommen entrückt, so stieß nach einer Weile Jan Möllmer zu ihm. Wir, die Zuschauer, mal sie umgebend, wie Wasser im Fluss, mal von ihnen verwirbelt, wie das Bett des Flusses durch die Bewegung des Wassers. Mal schienen sie einander zu jagen, dann suchten sie einander zu halten, zu stützen, aufzufangen. Betörend, berührend, ein Stück, das man vermutlich zig Mal sehen könnte.

Carla Jordaos This Must Be The Place war so etwas wie der Machttanz zweier Männer im Museumsinnenhof. Während Kenji Shinohe stets nur für sich alleine oder mit/gegen seinen Partner Guilherme Carotenuto agierte, nahm letzterer durchaus auch Sichtkontakt zum Publikum auf. Ob so gewollt oder nicht, das betonte die Eigentümlichkeit der räumlichen Situation: Zwei Männer im Glaskasten, das Publikum drumherum – wer beobachtet hier wen? Wer ist innen und wer außen?

Lenah Flaigs Hertylandia Reloaded sah ich im letzten Jahr als Jurorin im Katakomben-Theater und war wenig beeindruckt von dieser Performance, bei der übers (gekonnte) Posen hinweg nicht allzu viel über die Rampe kam. Im Folkwangmuseum auf der Wiese eines Innenhofes jedoch schien das Ganze schon weit stimmiger, obwohl ich es hier oft spannender fand, das Publikum beim Zuschauen zu beobachten als meine Aufmerksamkeit nur auf Lenah Flaig zu richten.

Perpetual Instant – ewiger Moment – so nannte Fornier Ortiz seine Soloauftragsarbeit fürs Festival. So recht erschloss sich mir das Stück mit seinen dem Alltag abgeschauten, vervielfältigten/vielfach wiederholten Bewegungsabläufen nicht. Immerhin, die Zeit machte dieses Stück geradezu überdeutlich, vielleicht ging es ja darum?

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In Between von und mit Arianna Rodeghiero (Foto: Mischa Bach)

Dass das abschließende Stück im Folkwang Museum ausgerechnet In Between hieß, ist wohl nichts als ein launiger Zufall. Arianna Rodeghiero hat sich damit ein Solo auf den Leib choreografiert, eine Art Dialog zwischen Musik und Raum, mal grazil und zart, mal kraftvoll und durchweg spannend. Und obendrein so, als gehörte dieses Stück genau hierher, in die ständige Sammlung des Museum Folkwang, als sei es lebendiger Teil des angeblich „schönsten Museums der Welt“.

Wie hätte ich also anders als beschwingt aus diesen wunderbaren nachmittäglichen Kunstbegegnungen nach Hause gehen sollen?

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