Körpersprachen: reTURN

Der Anfang liegt, wie so oft im Leben, im Dunkeln: Sieben lange Minuten lauscht man in der Box des Essener Grillo-Theater einer Stimme vom Band (Danko Rabrenovic), die eine Episode aus Sasa Stanisics Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ vorträgt, während zwei Frauen kaum sichtbar auf der Bühne ausharren. Obwohl – ist das wirklich der Anfang von reTURN, Jelena Ivanovics Tanztheaterproduktion? War das nicht eher der Brief, den man als Zuschauer bekam? Oder gar Titos Tod am 4.5.1980?

Noch ziemlich gut versteckt: Siliva Weiskopf in reTURN (Foto: Karina Ter Ovanesova)

Noch ziemlich gut versteckt: Siliva Weiskopf in reTURN (Foto: Karina Ter Ovanesova)

Es geht um Heimat, alte und neue, dazwischen ein Bürgerkrieg, der auch nach Jahrzehnten noch unbegreiflich scheint (wie wohl jeder Krieg unter Brüdern und Nachbarn, die wir doch alle sind …). Um Zerrissenheit und die Frage, wer man ist, wenn man nicht mehr sein kann, wo man geboren wurde, aufwuchs, wo alles einen prägte, alles eine Ordnung hatte und vor allem voller sinnlicher Erinnerungen ist – ans Essen, an die Familie, die Freunde, die Sommer …

Von Erinnerungen förmlich überflutet: Yara Eid in der Tanztheaterinszenierung

Von Erinnerungen förmlich überflutet: Yara Eid in der Tanztheaterinszenierung „reTURN“ von Jelena Ivanovic. (Foto: Karina Ter Ovanesova)

Für Menschen, die nie aus ihrer Heimat wegmussten, sondern sich einfach nur so an ihr reiben konnten oder in ihr aufgehen durfte, mag es auf den ersten Blick verwunderlich sein, sich ausgerechnet heute den Bürgerkrieg, der Jugoslawien blutig zerriss, zum Thema zu nehmen. Und doch muss man weder von dort stammen noch eine Flucht- oder Migrationsgeschichte haben, um mitgenommen zu werden von Yara Eids tänzerischer Eleganz, von Siliva Weiskopfs Stimme wie auch ihrer physischen Präsenz. Und um sich so vorstellen zu können, wie das ist: verpflanzt zu werden, ohne es zu wollen. Anderswo anders sein zu müssen. Und schließlich die Orientierung wiederfinden zu müssen zwischen gestern und heute, zwischen dort und hier …

Doch das ist ja nicht alles. Es gibt auch das Helle, das Lichte, das Fröhliche, den Lebensmut – in der selbstvergessene Sehnsucht getanzter wie gesprochener Erinnerungen und Rückblicke und sogar in den Einspielern der Feuerpausenfußballepisode ist das immer mal wieder präsent. Ganz besonders gilt das für Titos  Pioniere:

Yara Eid, Silvia Weiskopf in der Tanztheaterinszenierung

Yara Eid, Silvia Weiskopf in der Tanztheaterinszenierung „reTURN“ von Jelena Ivanovic. (Foto: Karina Ter Ovanesova)

Das köstliche Buffett mit Cevapcici und Baclava, das die Zuschauer vor wie nach der Vorstellung empfing, war möglicherweise nur das Tüpfelchen auf dem I der gestrigen Premiere. Und doch hätte ich mir keinen passenderen Rahmen denken können als diesen Appell an die beiderseitige Gastfreundschaft wie auch an Kindheitserinnerungen. Wie schön, dass all das hierher fand, um was immer auch Heimat hier in diesem Deutschland für wen auch immer bedeuten mag, zu erweitern.

Und wenn ich schon Siliva Weiskopfs Probenzitate – wie etwa „Wenn es zwei Mal vorkommt, ist es Choreografie“ oder „Wenn wir es anders singen, ist es anders“ – nicht als Buch nachlesen kann, lese ich womöglich demnächst Sasa Stanisics Roman und versuche obendrein mein Defizit in jugoslawischer Geschichte zu beheben … Aber eines werde ich auf jeden Fall angehen: reTURN noch einmal anzuschauen. 🙂

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4 Antworten zu Körpersprachen: reTURN

  1. Natasa schreibt:

    Nur mal zur Info: es gab keinen Bürgerkrieg, den Jugoslavien zerriss .. Demokratische Wahlen führten zur Unabhängigkeit der einzelnen Völker. Danach gab es Krieg ausschließlich auf nicht serbischem Teritorium. Vom Bürgerkrieg zu schreiben ist also falsch.

    • mischabach schreibt:

      Unabhängig von der Abfolge der Ereignisse und der Frage, ab wann aus Kämpfen Kriege werden, haben die Jugoslawienkriege in meinen Augen die Qualität von Bürgerkriegen oder auch einem Bruderkrieg, als hier Menschen gegeneinander kämpften, die einst in einem Staat miteinander verbunden waren und als Nachbarn miteinander gelebt haben.

      • Natasa schreibt:

        wahre Brüder unterdrücken einander nicht, foltern und morden nicht.. Das Leid zu Zeiten Jugoslaviens ist vergleichbar mit dem Leid während des dritten Reiches, nur das der Terror sich über 45 Jahre verteilt und gezogen hat und die serbische Elite nicht konsequent Völkermord, sonder viele am Leben gelassen hat. Nach der Unabhängigkeit haben kroatische Brüder mit vereinter Kraft sich gegen serbische Aggressoren auf nun nicht mehr jugosalvischem Boden verteidigt.Wenn du diese Fakten in Augenschein nimmst, kannst du die Geschichte besser nachvollziehen. Schadet nicht. Wahre Brüder lieben einander, haben unterschiedliche Meinungen, morden aber nicht.

      • mischabach schreibt:

        Ich denke ganz ähnlich wie du, auch wenn ich all diese Ereignisse natürlich nur aus der Ferne eines anderen Landes „miterlebt“ habe … und teile an sich die Hoffnung – oder das Ideal – dass wahre Brüder und Schwestern einander nicht ermorden. Wenn ich dann allerdings an die Geschichte von Kain und Abel denke – also dass bereits in der mehrere tausend Jahre alten Bibel Brudermord erwähnt wird, wird mir ganz anders …

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