Klangfarben

Könnte man das Wort nicht auch als Hinweis darauf verstehen, dass Musik und Malerei so manches gemein haben, dass man die eine Kunstform mit Begriffen aus der anderen zumindest in Teilen erfassen und beleuchten kann? Am Freitag, beim Besuch von Jacques Offenbachs Les Contes D’Hoffmann im Aalto schillerte und wogte die Musik jedenfalls so, dass ich unweigerlich Bilder von Henri de Toulouse-Lautrec im Kopf hatte. Und ließe sich nicht Sergej Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen mit gewissen Porträts von Otto Dix vergleichen, die unversehens in die abstrakten Welten Joan Mirós geraten sind?

Womöglich war es also der falsche Ansatz, dass ich mich mit einem noch ungelesenen E.T.A. Hoffmanns, Die Elixiere des Teufels, auf diesen Opernabend vorzubereiten versuchte (zumal ich ohnehin nur bis auf Seite 62 des romantischen Schauerromans vorgedrungen bin ….) – das lag halt nahe, so als Schriftstellerin, die eine Oper über einen Dichter, den das Libretto zur Figur in seinen eigenen Geschichten macht, anschauen und -hören will.

Der Dichter bei der Arbeit - ein Probenfoto von Hamza Saad zur Wiederaufnahme von "Hoffmanns Erzählungen"

Der Dichter bei der Arbeit – ein Probenfoto von Hamza Saad zur Wiederaufnahme von „Hoffmanns Erzählungen“

Eigentlich glaube ich auch nicht, dass die so düsteren wie detailreichen Zeichnungen, die meine Opernbegleiterin mitgebracht hatte (und die eigene Betrachtungen allemal wert wären – auf diesem Wege also nochmals danke fürs Anschauenlassen :-)), mich auf die Fährte brachten.

Nein, der Pinselstrich Toulouse-Lautrecs scheint mir in der Tat in seinem Schwung, seiner Lebendigkeit der Musik Offenbachs verwandt – beide mögen an der Oberfläche beschwingt, fast leicht erscheinen und doch liegt darunter bei beiden Tiefe, fast möchte man sagen: abgrundtiefes Dunkel. Und beide feiern das Leben mit einem wilden Tanz, zu dem auch der Tod eingeladen ist – vermutlich, weil klar denkenden wie tief fühlenden Menschen ohnehin klar ist, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist. Offenbach ist nicht einfach der Vater der schmissigen Operettegattung (zumal Hoffmanns Erzählungen eine Oper ist ;-)), genauso wenig wie Toulouse-Lautrec sich darin erschöpft, so etwas wie der Übervater der Plakatmalerei als Kunst zu sein.

Das grausame Ende von Antonia, der Automaten-Liebe Hoffmanns - Probenfoto von Hamza Saad

Das grausame Ende von Antonia, der Automaten-Liebe Hoffmanns – Probenfoto von Hamza Saad

Und das Sujet, der Trinker, Dichter, Maler und Komponist Hoffmann, der genialische Künstler, den die eigene Muse retten muss, damit er sich wede im Alkohol noch in seinen düsteren Visionen, seinen eigenen Ängsten, eben seinem eigenen Dunkel verliert, bildet für mich zugleich einen überaus passenden Kontrapunkt zu Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen, das ich letzte Woche sah (und das zum Glück auch weiterhin auf dem Spielplan steht :-)).

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN Musikalische Leitung Yannis Pouspourikas / Inszenierung Laurent Pelly / Szenische Einstudierung Astrid Van Den Akker / Bühne Chantal Thomas / Kostüme Laurent Pelly / Licht Joël Adam / Choreografie Laura Scozzi / Choreografische Einstudierung Nico Weggemans / Choreinstudierung Patrick Jaskolka / Dramaturgische Betreuung Christian Schröder - Premiere: Samstag, 21. November 2015

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN
– lang vom Prinzen (Martial Defontaine, rechts) gesucht, endlich kurz davor sich mit Ninetta (Christian Clark) zu erfüllen (Foto: Thilo Beu)

Natürlich merkt man, dass diese Oper aus dem 20. Jahrhundert stammt, aus eigenartigen kostbaren, viel zu kurzen Zeit der Moderne zwischen den beiden Weltkriegen. Wild ist die Musik, wild und bunt wie das Libretto. Und doch bezieht sie sich zurück aufs 18. Jahrhundert. Doch wo E.T.A. Hoffmann schwarze Romantik voller Doppelgänger, Geister und anderen Schauerlichkeiten schuf, quasi Albträume und Ängste in Literatur verwandelte, ist Carlo Gozzi, der die Commedia dell’Arte wiederzubeleben suchte der hochkomische, ja groteske Pate der Geschichte in und hinter der Oper.

Einerseits ist das Ganze ein verrücktes Märchen um den Treff-Buben als melancholisch-hypochondrischer Prinz, den ungewollt der Fluch zum titelgebenden Liebeswahn am Ende heilt. Andererseits treten Verfechter diverser Kunstrichtungen – die Tragischen, die Komischen, die Lyrischen, die Hohlköpfe und die Lächerlichen immer wieder auf und stellen Forderungen an den Fortgang der Geschichte im Sinne ihres Geschmacks. Mehr noch: die Lächerlichen greifen sogar nach Art des Deus ex machina beherzt in die Handlung ein und verhelfen so dem Happy End, dem unvermeidlich seinen Lauf zu nehmen. Doch auf dem Weg dahin geht es wild und lustig zu, und diverse Konventionen des Theaters aber vor allem der Oper samt ihrer so häufig unglaublich hanbüchenen Dramaturgie werden zugleich genutzt wie aufs Korn genommen.

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN Musikalische Leitung Yannis Pouspourikas / Inszenierung Laurent Pelly / Szenische Einstudierung Astrid Van Den Akker / Bühne Chantal Thomas / Kostüme Laurent Pelly / Licht Joël Adam / Choreografie Laura Scozzi / Choreografische Einstudierung Nico Weggemans / Choreinstudierung Patrick Jaskolka / Dramaturgische Betreuung Christian Schröder - Premiere: Samstag, 21. November 2015

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN
Trufaldino (Rainer Maria Röhr) vesetzt der bösen Fee Fata Morgana (Annette Seiltgen) einen Tritt und löst so den Fluch aus, der am Ende zum Happy End führt

Besonders und in gewisser Hinsicht zur Flächigkeit, zur Auflösung der Zentralperspektive in Mirós abstrakten Werken passend ist es dabei, dass es sehr egalitär zugeht, was den Umfang der jeweiligen Solopartien angeht. Dennoch möchte ich nicht verhehlen, dass ich mich sehr freute, Christina Clark als Ninetta, die Prinzessin aus der dritten Orange und Braut des nun mehr nicht mehr melancholischen Prinzen (Martial Defontaine) wiedergesehen und wiedehört zu haben. Oh, und eines muss ich dann noch ganz zum Schluss bemerken: Laurent Pelly hat mich bei den Orangen nicht nur mit seinen zahlreichen Regieeinfällen gefesselt, mit seinen wunderschönen, phantasievollen Kostümen hat er sozusagen ein eigenes Gemälde auf der Opernbühne geschaffen!

 

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